Freitag, 17. Juni 2016

Das Rind, die Seegurke, der Mensch – Revolutionärer Vorschlag zur einer geschlechtergerechten Sprache

Verehrte Mitmenschinnen und Mitmenschen im Paralleluniversum!

Ihr ehrenhaftes Ansinnen, die Gleichberechtigung der Geschlechter auch sprachlich aus- oder gar durchzudrücken, ist nach hiesiger Wahrnehmung in eine Sackgasse geraten. Denn es gibt ja nach bei Ihnen vorherrschender Meinung nicht nur Männchen, Weibchen und Zwitter, sondern eine Fülle weiterer Geschlechter. Damit sind zweigeschlechtliche Formulierungen wie „Schülerinnen und Schüler“ defizitär, antiquiert, ja sexistisch.

Um die beiden klassischen Geschlechter sprachlich zu inkludieren, hatte sich bereits die Universität Leipzig weiland zur durchgehend weiblichen Bezeichnung entschieden. Den vielen neu entdecken anderen Geschlechtern sprachlich gerecht werden will die Berliner Humboldt-Universität mit einer x-Endung für alle Geschlechter, die leider unaussprechbar ist.

Schon der Versuch, das Wort „Bürgermeisterkandidat“ grammatisch der Geschlechtergerechtigkeit anzupassen, führt zu skurrilen Ergebnissen. Wenn man aber erst versuchte, den Vers Lukas 6, 39 allein für die beiden herkömmlichen Geschlechter gerecht zu übertragen, käme dabei heraus: „Kann auch ein Blinder oder eine Blinde einem oder einer Blinden den Weg weisen? Werden sie nicht alle beide in die Grube fallen – oder alle drei – oder alle vier?“ – Nicht zu denken an die anderen Geschlechter!

Auch die von Ihrem unterstützenswerten Bestreben beseelten sprachlichen Versuche in seriösen Medien wie dem Deutschlandfunk und anderen Staatssendern führen mittlerweile dazu, daß man deren Nachrichten nicht mehr mit der gebotenen Aufmerksamkeit auf den Nachrichteninhalt hören kann, weil, wenn Sie diesen rustikalen Ausdruck erlauben, die Sprache versaut/-ebert/-schweinxt wird, was den gedankliche Fokus vom Eigentlichen (?) ablenkt.

Sie sehen: So geht es mit der geschlechtergerechten Sprache nicht weiter!

Erlauben Sie einen ebenso wohlgemeinten wie revolutionären Vorschlag, der aus dem beschriebenen diskriminierenden Dilemma führt: die gedankliche Trennung des biologischen Geschlechts vom grammatischen. Schauen Sie sich diese erstaunlich einfache Lösung anhand dreier Beispiele an:

Das Rind (neutrum)
„Das Rind“ kennt nach herkömmlicher Ansicht zwei biologische Geschlechter: die Kuh (fem.) und den Bullen resp. nach Kastration den Ochsen (beide mask.) – weitere natürlich möglich. Wenn nach dem hier unterbreiteten Vorschlag jemand „das Rind“ sagte, bedeutete das nicht, daß er den männlichen, weiblichen oder andersgeschlechtlichen Individuen dieser Gattung ihre jeweilige Geschlechtlichkeit abspräche.

Die Seegurke (feminin)
Entsprechendes wie für „das Rind“ gilt für „die Seegurke“, für deren maskuline oder feminine Individuen dem Verfasser keine Bezeichnungen bekannt sind.
Formulierungen wie „der Seegurkerich“ oder – gedanklich herausfordernder – „die Seegurkin“ wären bei Annahme des vorgeschlagenen Verfahrens verzichtbar.

Der Mensch (maskulin)
Das Wort "Mensch" bezeichnet ein Säugetier, dessen Individuen nach herkömmlicher Ansicht zwei, nach den erwähnten neueren Erkenntnissen in Ihrem Universum über fünfzig Geschlechter kennt. Grammatisch wäre nach diesem Vorschlag ein männliches, weibliches oder sonstwiegeschlechtliches Exemplar dieser Gattung immer noch „ein Mensch“ (grammatisch maskulin). Also: Niemand, der „der Mensch“ sagt, würde nach diesem Vorschlag damit behaupten, daß das gemeinte Individuum dieser Gattung biologisch maskulinen Geschlechtes sei.
Übrigens: Daß die altertümliche Bezeichnung des weiblichen Menschen, „das Weib“, im deutschen grammatisch neutral ist, wäre dann auch nicht mehr problematisch, weil ja Grammatik und Biologie/Ideologie getrennt wären.

In unserer, Ihnen vermutlich fremden Welt geht übrigens - das wird Ihnen anrüchig erscheinen - niemand „zur Metzgerin oder zum Metzger“, er bemüht auch nicht „den Computerfritzen oder die Computer(innen)trulla“. Hier, wo Sie immer gerne willkommen sind, wird diese gedankliche Trennung von biologischem und grammatischem Geschlecht schon vollzogen – übrigens mit besten Erfahrungen: Man versteht sich. Kommen Sie vorbei!


Freundliche Grüße aus einer fernen Welt – und toi toi toi!

Montag, 16. Mai 2016

Als noch klar war, wo der Feind stand

Gestern habe ich von einem lieben Verwandten mit Augenzwinkern beiderseits die "Kulturbilder - Wider die Pfaffenherrschaft" von Wilhelm Rosenow und Heinrich Ströbel geerbt.

Dieses zweibändige Werk aus dem Jahr 1900 bietet nach eigenen Angaben "Kulturbilder aus den Religionskämpfen den 16. und 17. Jahrhunderts". 

Nach einem ersten Durchblättern will ich doch gleich mal zwei Funde zeigen:

Einen Original-Ablaßbrief (Abb. 299) - kann ja mal wieder wichtig werden...:



Wer dise figur eret mit einem pater noster 
der het 14 dusent jar ablas
und von 43 bebsten der gab ieghlicher 6 jar
und von 40 bischoffen
von ieglichem 40 tag
und den ablas hat bestetigt babst Clemens

Und - politisch herrlich unkorrekt - ein satirisches Flugblatt auf den Calvinismus (Abb. 297, "Der siebenköpfige Calvinistengeist"):




1.
Humaniter.
Freundlich wie ein Mensch.

Diß ist der Calvinisten Geist/
Der in der welt sehr starck einreist/
Mit sieben Häuptern der gestalt
Wie man allhie sicht fürgemahlt.
Der anfangs freundlich stellet sich,
Gantz höfflich und holdseligklich,
Gar glimpfflich/ erbar/ sittsamb/ still/
Biß es sich geht nach seinem Will/
Und bleibt doch falsch im Hertzen sein/
Führt eins falschen Propheten schein.

2.
Humiliter.
Demütig wie ein Lamb.

Demütig halt er sich entzwischen/
Biß er sein Vortheil thut erwischen/
Gedultig wie ein Lämblein mild/
Das nit kan sein grim oder wild.
Er legt ein rechtes Schafkleid an
Den Schalck man nit leicht sehen kann.

3.
Callide.
Listig wie ein Fuchs.

Bald er sich eingelogen hat
Und gfunden angeneme stat
Verändert er geschwind und bald
sein vorig Mensch und Lambs gestalt;
Er wird ganz listig wie ein Fuchs
Betrieglich handlet hinterrucks/
Mit dieser seiner Listigkeit
Er allgemach noch weiter schreit.

4.
Insatiabiliter.
Unersättlich wie der Wolff.

Eins Wolffen art nimbt er an sich
Sein Hunger plagt ihn hefftiglich/
Umb sich er geitzig reis und beist/
Gar unersättlich ist der Geist/
Tracht nit allein nach Haab und Güter/
Besonder auch nach Seel und Gmühter.
Nichts hat die Welt das ihn erfüll/
Jemehr er schlickt / je mehr er will.

5. 
Sanguinolenter.
Blutgirig wie ein Leopard.

Geht es ihm nit nach seinem Muet/
So raubet er mit Mord und Blut/
Als wie ein wilder Leopard
Nimpt er an sich Tyrannen art/
Verschonet weder Freund noch Feind
Wie solchs im gantzen Reich erscheint.
Und man vor Augen täglich sicht
Was er für Blutbad angericht.

6.
Flammis furiose.
Fewrig wie der Drack.

Mit schröcklichisten Fewr und Brand
Zerstöret er vil Reich und Land/
Sein wütig tobend Fewersflamm
Schlägt jämmerlich in dhöh zusamm/
Dadurch vil Seel und Leib verderben/
Vil zeitlich ja gar ewig sterben.

7.
diabolice.
In allem thun und lassen wie der Teuffel.

Gleich wie der Höllische Sathan
Von anfang nie nichts guts gethan/
Ja alles ubel hatt gestifft/
Also thut auch diß Ketzergifft
Der falsche Calvinistien Geist
Der nur zu schaden sich befleist.
Sein Wort/sein Werck/Gedancken all
Nur richten zu des nechsten fall.
Hüt dich vor ihm/O frommer Christ/
So lieb dir Leib und Leben ist.

Um keine Mißverständnisse aufkommen zu lassen: Ich gelte als Prostestantenversteher und lege Wert darauf! ;-)

Samstag, 14. Mai 2016

Pfingsten - das bleibend energ(et)ische Ereignis

Pfingsten – was ist das für ein Fest? Das Wort kommt vom griechischen „pentecostes“ und heißt schlicht „fünfzig“. Pfingsten wird fünfzig (7x7+1) Tage nach Ostern, nach der Auferstehung Christi gefeiert. Bereits nach vierzig Tagen hatten die Erscheinungen des Auferstandenen aufgehört und Christus war in den „Himmel“, die unsichtbare Welt gegangen. Er hatte den Jüngern den Heiligen Geist verheißen, der auch „Tröster“ und „Beistand“ genannt wird. Dieser göttliche Geist würde sie zu seinen Zeugen in aller Welt machen.

Der Heilige Geist kam dann am fünfzigsten Tag in den Zeichen von Sturm und Feuerzungen auf die Jünger herab. Er öffnete den bis dahin durch den Tod und die Auferstehung verwirrten Jüngern das Herz und den Mund, und sie begannen, Jesus als den Sohn Gottes und Erlöser der Welt zu verkünden. Petrus hielt die „Predigt seines Lebens“: Auf einen Schlag kamen dreitausend Zuhörer zum Glauben an Christus und ließen sich taufen. Das lag daran, daß der heilige Geist nicht nur in Petrus wirkte, sondern auch in seinen Zuhörern: Sie kamen aus verschiedenen Ländern und wunderten sich, daß sie ihn alle in ihrer Sprache verstehen konnten.

Das alles kann man in den ersten beiden Kapiteln der Apostelgeschichte nachlesen.

Übersetzen wir das Erzählte: Der Heilige Geist kommt in Zeichen, die Energie anzeigen. Wind und Flammen dürfen wir symbolisch verstehen: Welche „Zeichen“, Erlebnisse wirken auf mich „energetisch“, kraftvoll und kräftigend? Wo treibt es mich, die Wahrheit zu sagen, wo verstehe ich die Wahrheit tiefer?

Wo anregende, stärkende, ermutigende und klärende Kräfte wirken und Menschen zur Erkenntnis Gottes führen, ist Gott am Werk. Das gilt nicht nur für den, der diese Wahrheit verkündigt, sondern auch für den, der sie versteht, sich angesprochen fühlt.

Christliche Verkündigung und christlicher Glaube entstehen also nicht aus eigenem Entschluß oder einem Pflichtgefühl, sondern aus einem spirituellen (=geistlichen) „Erlebnis“. Hieraus erwächst dann auch der Antrieb zu guten Taten, die darum nicht mein sondern Gottes Werk sind.

Gehen wir noch einen Schritt weiter, über die „Mühen“ der Predigt, des Hörens und der guten Werke hinaus. Am Dienstag vor Pfingsten betet die Kirche im „Tagesgebet“: „Allmächtiger und barmherziger Gott, sende den Heiligen Geist auf uns herab. Er wohne in uns und mache uns zum Tempel seiner Herrlichkeit.“ Hier scheint die „Herrlichkeit“, der Glanz und die Schönheit des christlichen Glaubens auf. Der Mensch wird schon durch den Glauben an Christus und die Taufe zu einem Tempel Gottes. Doch das ist kein Zustand, sondern bleibt etwas Lebendiges: Der Heilige Geist ist die unablässige Verbindung zum Himmel, die Gott selbst in uns anlegt, durch die er uns tröstet, belebt und Erkenntnis schenkt.


Durch den Heiligen Geist macht Gott sich selbst in uns „zum Gebet“: „Desgleichen hilft auch der Geist unsrer Schwachheit auf. Denn wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich’s gebührt; sondern der Geist selbst vertritt uns mit unaussprechlichem Seufzen.“ (Röm 8, 26)

Beitrag zur Rubrik "Bedenkliches" im Kevelaerer Blatt

Die göttliche Dreifaltigkeit erklärt...

... von Leo dem Großen (+ 461), Aus einer Predigt zum Pfingstfest:

Eine ewig währende Eigenheit ist es für den Vater, der Erzeuger eines ihm gleich ewigen Sohnes zu sein; eine ewig währende Eigenheit ist es für den Sohn, zeitlos vom Vater hervorgebracht zu sein; auch für den Heiligen Geist ist es eine ewig währende Eigenheit, der Geist des Vaters und des Sohnes zu sein. 

Daher ist der Vater nie ohne Sohn, nie sind Vater und Sohn ohne den Heiligen Geist gewesen. In ihrer Existenz sind alle Zeitstufen ausgeschlossen; keine Person ist früher, keine später. 

Denn die unwandelbare Gottheit dieser seligen Dreifaltigkeit ist eins im Wesen, ungeteilt im Werk, übereinstimmend im Willen, gleich in der Allmacht, ebenbürtig in der Herrlichkeit. 

Wenn die Heilige Schrift von ihr so spricht, daß sie ihr Taten oder Worte zuschreibt, die den einzelnen Personen zu entsprechen scheinen, wird der katholische Glaube dadurch nicht verwirrt, sondern belehrt, so daß durch die Eigentümlichkeit der Stimme oder des Werkes die Wahrheit der Dreifaltigkeit eindringlich eingeschärft wird: der Verstand soll nicht trennen, was das Gehör unterscheidet. 

Deswegen nämlich werden gewisse Dinge unter Nennung des Vaters oder des Sohnes oder des Heiligen Geistes vorgebracht, damit das Bekenntnis der Gläubigen in der Dreifaltigkeit nicht irre. Da sie ja in sich untrennbar ist, würde man nie darauf kommen, daß es eine Dreifaltigkeit gibt, wenn diese immer ungetrennt genannt würde. 

So zieht also gerade die Schwierigkeit, darüber zu sprechen, unser Herz zum richtigen Verständnis hin, und gerade wegen unserer Schwachheit kommt uns die himmlische Lehre zu Hilfe. 

Weil in der Gottheit des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes nicht an eine einzige Person noch an eine Verschiedenheit der Natur zu denken ist, kann die wahre Dreifaltigkeit gleichzeitig im Geist gedacht, aber nicht gleichzeitig mit dem Mund ausgesprochen werden. 

Wenn dieser Glaube in unsern Herzen fest gegründet ist, dann glauben wir auf heilbringende Weise, daß die ganze Dreifaltigkeit zusammen eine Kraft, eine Majestät, ein Wesen ist, ungeschieden im Wirken, untrennbar durch die Liebe, ununterschieden in der Macht, die alles zugleich erfüllt und alles zugleich umfaßt.

Mittwoch, 4. Mai 2016

Christi Himmelfahrt - Christus ist gegenwärtiger

Damals wurde der Menschensohn auf höhere und heiligere Weise als Gottes Sohn anerkannt. Als der Menschensohn sich in die Herrlichkeit der väterlichen Majestät zurückzog und auf unaussprechliche Weise begann, seiner Gottheit nach gegenwärtiger zu sein, während er seiner Menschheit nach in größere Ferne rückte.
...
So wurde der Glaube dorthin gerufen, wo Christus als der dem Vater gleiche, einzige Sohn nicht mit körperlicher Hand, sondern mit geistigem Verständnis berührt würde. Als daher Maria aus Magdala, welche die Person der Kirche darstellt, nach der Auferstehung des Herrn zur Berührung seines Leibes herbeieilt, sagt er zu ihr: „Berühre mich nicht, denn noch bin ich nicht zu meinem Vater hinaufgegangen.“ (Joh 20,17) Damit will er sagen: Ich will nicht, daß du mich mit leiblichen Sinnen erkennst; ich verweise dich auf Höheres, ich bereite dir Größeres. Wenn ich zu meinem Vater aufgestiegen bin, wirst du mich vollkommener und wahrer betasten; dann wirst du wahrnehmen, was du nicht berührst, und glauben, was du nicht siehst.
...

Laßt uns also mit geistlicher Freude jubeln und uns freuen, indem wir Gott würdig danken; laßt uns die nicht mehr gehaltenen Augen (vgl. Lk 24,16) unseres Herzens zu jener Höhe erheben, in der Christus ist.

Leo der Große († 461), Aus einer Predigt zum Fest Christi Himmelfahrt

Freitag, 22. April 2016

Ostern: die überwindende Gabe des Glaubens - offenes Leben, Liebe, Freude

"Doch was das Ereignis der Auferstehung Jesu Christi gewährt, ist noch ein anderes. In der Erscheinung des Auferstandenen und durch die Verkündigung, in der dieser präsent wird, eröffnet sich auch der Weg zum Leben, zur Heilung, zur Rechtfertigung, zur Versöhnung, zur Vergebung, nämlich der Glaube. 

Der Glaube und damit das Sich-Anheimgeben an den Auferstandenen als solchen ist die überwindende Gabe der Erscheinung des von den Toten Erweckten. Dieser Glaube, der sich dem Auferstandenen und dem Wort seiner Erscheinung übergibt, erhebt sich zur Hoffnung, da er in dem Auferstandenen auch die nun ihm offene Zukunft hat aufleuchten sehen. 

Der Glaube erweist sich aber auch in der Liebe. Die Liebe aber schließt viele Weisen solchen offenen Lebens ein, Demut, Geduld, Nüchternheit, Wachsamkeit, und andere mehr. 

Nur eine Frucht der Auferstehung Jesu Christi und des in ihr aufscheinenden Lebens sei noch erwähnt, die Freude."

Heinrich Schlier († 1978), Über die Auferstehung Christi

aus der Lesehore (Mette/Vigil) zum Donnerstag der vierten Osterwoche (zweite Jahresreihe) im Ordo Paulinus für den deutschen Sprachrraum

Freitag, 8. April 2016

Egmond Binnen und der heilige Adelbert

Der Niederrhein geht weiter als man denkt: Der Name des Dorfes Egmond in der Provinz Nord-Holland kommt von Eg-/Ey-/Ij-Mond (=Mund, Mündung). Diese Ey war ein Nebenarm des Rheins, der tatsächlich hier ins Meer mündete, weit nördlich von Amsterdam, wo es ja bis heute HET IJ gibt.

Man wundert sich, wenn es im calvinistisch geprägten Holland (im engeren Sinne des Wortes) überhaupt Katholiken und sogar katholische Klöster gibt. In Egmond sind es derer gleich zwei: das recht junge Frauenkloster St. Lioba und die zwar auch junge, aber sehr traditionsreiche Männerabtei St. Adelbert, darüber hinaus auch eine große katholische (ehem.?) Pfarrkirche - neben einer kleinen protestantischen. Der heilige Adelbert, der hier das Evangelium verkündet hat, hat es mir mit seiner bis heute zu spürenden Wirkung angetan, seit ich kürzlich eine Woche zu Exerzitien in „seiner“ Abtei war.


Skulptur des heiligen Adelbert von 2015 (Abtei Egmond)

Bemerkenswert finde ich vor allem, daß es Gott durch ihn in 50 Jahren gelungen ist, aus friesischen Heiden wirkliche Christen zu machen und so das Reich der Liebe und des Friedens auch hier aufzurichten, in einem Land, das ja eigentlich nur aus einem Dünenstreifen und dahinter entstandenen Marschflächen besteht, also geologisch eher provisorisch ist...

Adelbert, in der zweiten Hälfte des siebten Jahrhunderts in England geboren, wurde in jungen Jahren Mönch des irischen Klosters Rath Melsigi. Sein Abt Egbert beauftragte ihn, im Gefolge des heiligen Willibrord nach Friesland zu gehen, um das Evangelium zu verkünden. Um 690 setzte der Diakon Adelbert nach Friesland über und kam bei Strandpfahl 40-500 an, der damals vermutlich noch nicht stand... ;-)



... ging durch die Dünen, ...


... erreichte die dahinter liegende Marsch...



... und ließ sich hinter dem Dünenstreifen in dem kleinen Weiler Egmond nieder – man bedenke: als christlicher Mönch unter rauhbeinigen Heiden. Er gewann in 50 Jahren die Bewohner durch seine Liebenswürdigkeit und seine Frömmigkeit für Christus. Gott ließ durch ihn Wunder geschehen, so daß die Bewohner der Gegend ihn als Retter in der Not sahen.

Als Adelbert um 740 starb (sein Festtag ist der 25. Juni), begrub man ihn und errichtete über seinem Grab eine hölzerne Kapelle, die öfter von Normannen zerstört, aber stets wieder aufgebaut wurde. Denn die Wunder Adelberts gingen weiter, und sein Grab wurde zu einem Wallfahrtsort.

1113 ersetzte man die Holzkapelle durch eine steinerne Kirche. Sie wurde erst 1575 im 80jährigen Krieg zerstört. Ihr Grundriß ist 1924 wieder sichtbar gemacht worden.


Durch die Dünenwanderung war das alte Egmond längst unbewohnbar geworden: Viele Nutzflächen waren unter dem Sand verschwunden. Bereits 922 übertrug der westfränkische König Karl der Einfältige (! Hier ist ja eigentlich Lothringen...) dem ersten Grafen von Holland, Dietrich (Dirk) I., Egmond und damit das Grab Adelberts. Dietrich I. ließ im Dorf Hallem (dem heutigen Egmond-Binnen) ein kleines Benediktinerinnenkloster bauen. Einer der Hallemer Nonnen, Wilfsit, erschien Adelbert dreimal im Traum und rief sie auf, seine Gebeine auszugraben und an einen für die Verehrung geeigneteren Ort zu bringen. Wilfsit überbrachte die Botschaft dem Grafen. Der ließ die Kapelle auf dem Acker abbrechen, die Gebeine Adelberts bergen und in das Hallemer Kloster bringen. Bei der Bergung der Gebeine Adelberts wallte in seinem Grab ein Brunnen auf, dessen Wasser wundertätig war. Vor allem Schwersichtige und Geisteskranke erfuhren Hilfe.

Graf Dietrich II. ersetzte das Nonnenkloster durch eine Männerabtei, deren steinerne Kirche um 975 vollendet war. Am 7. Oktober 1143 wurde eine neue, prächtige Abteikirche geweiht.

Zu Beginn des Achtzigjährigen Krieges, am 1. Mai 1567 wurde die Abtei von einer Bande von Geusen das erste Mal geplündert, am 7. Juni 1573 völlig geplündert und in Brand gesetzt.

Auf dem Weg von der ursprünglichen zur jetzigen Grabstätte...


... habe ich die recht große katholische Pfarrkirche besucht, eine Scheußlichkeit von 1964. Die Kirche war geschlossen...


... doch die "Mariakapel" geöffnet. Ich ging hinein; dies ist der erste Eindruck - "einladende Kirche":


Auf dem Weg zur Abtei geht man merkwürdigerweise genau auf die "protestantse kerk" zu. Warum das so ist, wird später verraten.


In den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts wurde die Abtei wiedererrichtet. Die ersten Benediktinermönche zogen 1935 ein.

Der Weihetag der 1952 begonnenen neuen Kirche ist der 7. Oktober 1954. Seitdem liegen die Gebeine Adelberts wieder unter einem Altar – nun in dieser Kirche.

Die neue Anlage wird zur Zeit von etwa 15 Mönchen bewohnt und geistlich wie ökonomisch bewirtschaftet. Der Konvent unter Abt Gerard macht einen vitalen Eindruck; es gibt nach meinem Eindruck zwei Novizen/Triennalprofessen. Die Liturgie ist zwar niederländisch „durchreformiert“ (fast alles in Volkssprache, nur eine „Mittagshore“, Vesper mit (nur) drei Psalmen, Verwendung des niederländisch-monastischen Psalteriums aus den 1970er Jahren, in der Messe und auch sonst nicht approbierte Texte, Klarsichthüllen u.a.m.), wirkt aber dennoch überzeugend: Beispielsweise halten die Mönche nach jedem Psalm eine Gebetsstille, die nicht zu lang und nicht zu kurz ist. Auch wenn man die Anweisungen der Benediktsregel und die große Tradition im Hinterkopf hat, kann man hier sehr gut zu echtem Gebet finden.

Die in den 1950er Jahren errichtete „postneugotische Bauhaus-Kirche" überzeugt und gewinnt den Beter für sich.

Aus der ersten steinernen Kirche ist das Tympanon des Hauptportals erhalten, von dem sich eine Kopie im Kloster befindet:


Die Abtei:


Die Abteikirche:


In der Vorhalle befindet sich ein Grab, in dem die bei archäologischen Grabungen gefundenen Überreste der Grafen von Holland beigesetzt worden sind:







Namurer (oder Belgischer) Blaustein verbreitet eine herrlich katholische Atmosphäre:



Gang durch die sehr dunklen Seitenkapellen:


Die Heilige Agatha ist Patronin der von hier aus gegründeten Pfarrkirche in Egmond aan Zee:


Sakramentskapelle:


Neuzeitliche Ikone des heiligen Adelbert in der Abteikirche:



"Kreuzgang" (eigentlich L-Gang) mit den Kukullen der Mönche. Von hier aus werden die Glocken von Hand geläutet.


Fenster (1941) mit dem heiligen Adelbert im Kreuzgang:


Weg in die Klausur (hier "slot" genannt, was bei der Übersetzung "Schloß" zu Mißverständnissen führen kann):


Gästeflur:


Treppenhaus in der Klausur:


Ein Gang um das Kloster...

Alter Friedhof neben der protestantischen Kirche:


Die Protestanten hatten nach/in den Wirren des Achtzigjährigen Krieges im erhaltenen Chorraum der "Buurkerk", der Pfarrkirche der Abtei, ihre Gottesdienste gehalten. Im 19. Jahrhundert haben sie etwa vor dem Hauptportal der nicht mehr existierenden alten Abteikirche eine neue Kirche gebaut. Daher steht sie in der Achse der Abdijlaan, die neue Abteikirche befindet sich südlich davon.


Dahinter markieren Buchen und ein Kreuz den Ort des Chorraums der alten Abteikirche und ihres Kreuzaltares:


In den Tagen meines Aufenthalts wurde in den Niederlanden eine Volksabstimmung abgehalten. Das Wahllokal für Egmond war auf dem Abteigelände eingerichtet. Die auf dem Schild vorgenommene Korrektur versteht man, wenn man weiß, daß die niederländischen Katholiken gerne die die niederburgundische, also französische Tradition pflegen. So kürzen die "alstubelievt" (Wenn es Ihnen beliebt = bitte) nicht "a.u.b." ab, sondern "s.v.p." - und schreiben "Büro" eben richtig:


Zum Schluß noch einmal der heilige Adelbert, wie er mit dem Evangelium an Land steigt. Ganz ungewöhnlich bläst ihm der Wind ins Gesicht - tatsächlich kommt der Wind natürlich meist vom Meer her. Vielleicht ist der Gegenwind des Heidentums gemeint. Er hat ihn mit Gottes Hilfe und durch seine Liebenswürdigkeit und Frömmigkeit zu einem sanften Säuseln verwandelt - und mich mit seinem geheimnisvollen Charme für sich gewonnen.


P. S.: Zum letzten, zwar kostenpflichtigen, dafür aber wohlschmeckenden und zuverlässig wirkenden Wunder Sankt Adelberts geht es hier.

P.P.S: Der heilige Adelbert - Kupferstich von Abraham Bloemaert:


Über dem Bild:
Ich habe gewählt, und mir ist Sinn gegeben worden. Und ich habe angerufen, und gekommen ist in mich der Geist der Weisheit. Und ich habe sie vorgezogen den Reichen und Thronen. (Weish 7,7f)

Unter dem Bild:
Ich habe es gewählt, lieber fortgeworfen zu sein im Haus meines Gottes, als zu wohnen in den Zelten der Sünder. Psalm 83, 11
ADELBERT, Bekenner und Levit (=Diakon), Sohn des Königs der Deiren, hat das heimatliche Königreich in England verlassen und ist als einziger Levit mit dem heiligen Bischof Willibrord und verbundenen Priestern zu den polaren Ländern im Jahr 690 gekommen. Den Friesen und Kennermern hat er das Evangelium verkündet. Egmond hat er vom Heidentum gereinigt und wurde zum ersten Erzdiakon von Utrecht. Nach der Bekehrung vieler Heiden, voll von guten Werken und von Wundern strahlend, entschlief er an den 7. Kalenden des Juli im Jahr 740. Beerdigt in Egmond.