Mittwoch, 19. September 2018

Kranenburg - Kreuzwallfahrt

Kranenburg liegt am äußersten nordwestlichen Niederrhein, selbst von Kleve aus hinter dem (Reichs-) Wald, also eigentlich schon in den Niederlanden. Aber es ist eine - wenn auch durch den Zweiten Weltkrieg schwer in Mitleidenschaft gezogene - Stadt, die einen Besuch wert ist: wegen ihrer Geschichte, ihrer Kirche und eines Wunders - und mehrerer weiterer.

1280 hatte ein Christ die heilige Kommunion nicht wirklich empfangen sondern den Leib Christi in das Loch eines Baumes gelegt. Er beichtete das Sakrileg, aber die Hostie blieb im Baum. 1308 schaute man dann in dem Baum nach und barg die Figur des gekreuzigten Christus, der sofort anfing, Wunder zu wirken. Ein Wallfahrtsstrom setzte ein, das Kanonikerstift von Zyfflich verlegte sich nach Kranenburg. 

Das Stift wurde im Zuge der Säkularisation aufgehoben, einer der Kanoniker der erste Pfarrer der Pfarrei St. Peter und Paul. Bis heute wird dort die Kreuzwallfahrt gehalten.


Im religiös toleranten Herzogtum Kleve gibt es auch in katholischen Orten alte protestantische Kirchen.



Zur Stiftskirche:







Hochaltar:



Marienaltar im Nordschiff:




Vor dem Kreuzaltar im Südschiff ist zur Kreuzwoche der wundersame Corpus ausgestellt:
  

Engel an der Spitze des Kreuzaltars:




Außerhalb der Kreuzwoche ist der wundersame Corpus in diesem Tabernakel aufbewahrt:




Unterhalb des wundersamen Corpus befindet sich eine Reliquie des Kreuzes Christi.



Links vom Kreuzaltar:



Gewölbe über dem Kreuzaltar:



Die heilge Katharina im südlichen (Kreuz-) Seitenschiff:



Ebenda die heilige Barbara...



... und der heilige Rochus:



Im westlichen Mittelschiff der heilige Christophorus - Schutzpatron gegen einen jähen Tod:



Über dem Südportal die heiligen Kirchenpatrone Petrus und Paulus:



Angetan war ich von der Figur des heiligen Josef mit seinem göttlichen Pflegesohn. Man beachte die "Vokuhila"-Frisur, von der ich bis dahin gar nicht wußte, daß es sie schon in der Nazarenerzeit gab. ;-)





Im Nordschiff befinden sich aus der Zeit des Stiftes Evangelistenbilder (17. Jh. - Repliken von Hendrick ter Brugghen, Originale in Deventer), die es mit Caravaggio aufnehmen können.

Der Evangelist Markus:



Der Evangelist Johannes:


Die Kreuzwegstationen 1-6 und 9 stammen von Bruno Ehrlich - was für eine Intensität!





Ameland - Hollum und Nes

Ameland ist eine westfriesische Insel, die es in sich hat. Nicht nur, daß hierhin im Sommer (heute durchgehend 20.000) Kinder - meist aus dem Bistum Münster - seit über 70 Jahren ins Ferienlager fahren.



Auch die Geschichte der Insel unterscheidet sie von allen anderen Nordseeinseln - von den britischen vielleicht abgesehen: Die Herren von Ameland (die Camminghas) verstanden es, nicht nur ein hartes Regiment über die Inselbewohner zu führen, sondern auch in der Reformation die Religionsfreiheit (Ameland ist die einzige friesische Insel mit  durchgehend katholischen Einwohnern!) und in der Zeit der Seekriege zwischen den Niederlanden und England Neutralität zu bewahren. Erst später wurde der König der Niederlande auch Herr von Ameland.

Die Insel hat heute vier Orte: Hollum, Ballum, Nes (mit kurzem "e") und Buren ("Büren"). Im Westen ist Sier, im Ostern Oerd ("Urd") untergegangen. Der Westen ist mit Hollum und Ballum zur Reformation übergegangen (keine katholische Kirche mehr), der Osten (Nes und Buren) in größeren Teilen katholisch geblieben - freilich mit einer Zeit des Lebens im Untergrund, aber nach Wiederherstellung der Hierarchie mit einer katholischen Kirche.

In Hollum, Ballum und Nes gibt es mehrere protestantische, sagen wir mal, Kirchen: "hervormde" (reformierte Staatskirche), "gereformerde" ("altreformierte") und "doopsgezinde" (Wiedertäufer). Nes hatte schon vor der offiziellen Einführung der Reformation eine mennonitische (täuferische) Bewegung und später gleich drei dieser Gemeinden unterschiedlicher "Härte". 

Inzwischen haben sich die verschiedenen protestantischen Denominationen in den Niederlanden zur "Protestantse Kerk" vereint - jedenfalls finanziell. Der aushängenden Gottesdienstordnung und Schildern an den Kirchen ist zu entnehmen, daß auf Ameland nur die Wiedertäufer und die Altreformierten ihre "Kirchen" teilen, die Gottesdienste sich aber fein getrennt an die alten Konfessionen richten. 

Bei einer Fahrt nach Hollum, dem ältesten Ort der Insel, konnte ich die Täuferkirche besuchen. Die "Doopsgezinden" nennen ihre Kirchen übrigens "Vermaning" (Ermahnung), was auf die Spaßfreiheit ihres Kultes schließen lassen dürfte. Ein Taufbecken habe ich in den Kirchen der Täufer übrigens nicht entdeckt. ;-)

Täuferkirche in Hollum:


Die Stufen in marmorartiger Bemalung unter der zentralen Kanzel erinnert den katholischen Besucher an das Suppedaneum eines Altares.


Die historisch und "ökumenisch" wichtigste Kirche ist die "hervormde kerk" in Hollum, ehemals St. Marien, da als katholische Kirche erbaut - die einzige alte auf Ameland.



Das Innere ist natürlich für den katholischen Besucher sehr karg. Im ausliegenden Kirchenführer liest man aber, daß vor der Renovierung in den 1970er Jahren die Kanzel an der Südwand stand, die Bänke halbkreisförmig darum und im ehemaligen, dann abgetrennten Chorraum an einem Tisch das "Abendmahl" gehalten wurde (selten natürlich, da reformiert).


Daß aber protestantische Edle sich nach alter katholischer Tradition in ebendiesem Chorraum vor dem (nicht mehr bestehenden) Altar beisetzen ließen, läßt doch tiefe Schlüsse zu. :-)



In der an sich zeichenarme protestantische Liturgie sind die Klingelbeutel zum heiligen Gerät geworden.



Im "Hochamt" bedient man sich vielleicht der alten? 





Eine Besonderheit des niederländischen Staatsprotestantismus ist die vom Parlament herausgegebene Statenbijbel, von der in "St. Marien" ein altes Exemplar auf dem "Altartisch" und ein noch älteres und prächtigeres auf der Kanzel liegt.


Der ausliegende Kirchenführer erklärt etwas verschämt die "katholisierende" Renovierung der 1970er Jahre als "ökumenisch". Das alte Taufgitter ist damals in den Westen gewandert. In der Mitte steht der alte Abendmahlstisch.




Wie oben erwähnt hat sich Ameland in Kriegszeiten neutral gehalten - und dafür sogar einen königlichen Freibrief bekommen. Dieser ermöglichte es Ameländer Kapitänen, auch in Zeiten von Seeblockaden und Zollkriegen, englische Häfen anzulaufen. Dadurch brach auf der Insel der Reichtum aus. Viele Häuser zeugen bis heute von dieser Zeit - man darf beim Betrachten dieser immer noch kleinen Häuser nicht vergessen, daß wir uns ja eigentlich nur auf einem Sandhaufen am Rand des Wattenmeers befinden... Danach kam die Armut über die Insel - und die schmucken Kapitänshäuser blieben so glücklich erhalten.



Das zum Teil katholisch gebliebene Nes, der heutige Hautort der Insel, ist die Heimat des ehem. Erzbischof von Utrecht, Johannes Kardinal de Jong, des ersten Inselbewohners, der Priester wurde; ein zweiter folgte.



"Sein Pastor" Otger Scholten hat nach der Wiederaufrichtung der kirchlichen Hierarchie in den Niederlanden die Kirche St. Clemens am Ostrand von Nes erbaut. Davor versammelten sich die Katholiken im Verborgenen zur heiligen Messe.



Die Kirche ist 2013 abgebrannt. Wegen der klammen Finanzen hatte man erwogen, sie nicht wieder aufzubauen. Zum Glück hat man es dann doch getan. Der Außenbau ist wiederhergestellt. Der Portalgiebel ist neu:


Im Inneren hat man sich von "US-amerikanischer" Ästhetik leiten lassen.



Die Gewölbemalereien des Chorraums sind - brandbeschädigt - gesichert worden.




Orgel, Taufbecken und (ein mit immerwährendem Ablaß privilegierter!) Altar sind aus einer aufgelassen Kirche vom Festland übernommen worden.



Westfenster zum Gedenken an Kardinal de Jong.



Das Mosaik vor dem Altar erinnert an einen vom heiligen Willibrord entdeckten und/oder zur Taufe benutzten Brunnen in der Nähe.



Das "Querhaus" besteht aus zwei Pfarrsälen, die bei Bedarf zur Kirche hin geöffnet werden können. Recht niederländisch: Das kopje koffie ruft. 



Die alte Taufkapelle im Nordwesten ist nun Marienkapelle.







Im Dorfkern von Nes findet sich die unauffällige "hervormde (also staatsreformierte) kerk":




Die Giebelinschrift zitiert das Tempelweihegebet von König Salomon - und das, obwohl die "Kirche" ja von ihrer Gestalt her nun wirklich kein Tempel sein will.



Der Dorfturm von Nes wirkt wie ein Kirchturm, und östlich erstreckt sich ein erhöhter Platz, der danach riecht, daß hier einmal eine Kirche gestanden hat. Hat sie aber nicht.



Nes hatte einst gleich drei mennonitische/doopsgezinde Gemeinden, die inzwischen miteinander und mit der "gereformerde" = altreformierten Gemeinde fusioniert sind. Hier das älteste Gebetshaus der Mennoniten:




Die Kanzel war gerade wegen Umbauarbeiten abgestützt, der Abendmahlstisch zur Seite gerückt. Wenn ich mal persönlich werden darf: spirituell schon eine Herausforderung, dieser Protestantismus. Einziges "Bild": der Stern über Kanzel/Tisch.





Die Täuferkirchen und ihre Gottesdienste heißen, wie schon erwähnt, "Vermaning" (Ermahnung).



Heilige Geräte in der Sakristei...