Dienstag, 6. November 2018

Delft - Wiege der modernen Niederlande


Vorweg der "Hammer": Die Kirche, in der die Mitglieder des protestantischen Königshauses der Niederlande bestattet werden, geht auf eine Marienerscheinung zurück. Unten mehr. 

Die heutigen Niederlande sind aus einem Aufstand der sieben nördlichen Provinzen der Spanischen Niederlande unter Wilhelm von Nassau entstanden
 (zu diesen alten Niederlanden gehörten das heutige Belgien und Luxemburg, die anderen zehn Provinzen). Wilhelm hatte durch das glückliche Ableben eines kinderlosen Verwandten den Titel "Prinz von Orange" geerbt. Er ist der Stammvater des Königshauses der Oranier. "Vader des vaderlands" wurde er schon zu Lebzeiten genannt. Katholisch getauft und großgeworden, hatte er sich dem Protestantismus zugewandt, verfolgte aber eine tolerante Religionspolitik, wofür er freilich vom spanischen König Philipp II. mit dem Bann belegt wurde. 

Während des Achtzigjährigen Krieges setzte sich Wilhelm an die Spitze des Aufstands. Er kam mit seinen Mannen nach Delft, um dort Schutz zu finden und den Aufstand zu organisieren. Der Bürgermeister von Delft wurde gefragt, ob er sich für Spanien oder den Aufstand entscheide, und antwortete, er entscheide sich für Delft (eine damals sehr katholische Stadt). So wurde das Kloster St. Agatha, der heutigen Prinzenhof gegenüber der "Alten Kirche", zu Wilhelms Residenz und zur politischen Schaltzentrale. 

Wilhelm ließ die Nonnen im Kloster bleiben, verbot aber neue Eintritte. Hier schrieb er seine Apologie (Handschrift), eine Verteidigungsschrift gegen den Bann des spanischen Königs. Und hier wurde er am 10. Juli 1584 vom Katholiken Balthasar Gérard erschossen (der erste Fürstenmord mit Schießwaffe; die Einschußlöcher in der Wand sind erhalten).

Bildquelle: https://indebuurt.nl/delft/genieten-van/mysteries/delftse-mysteries-waarom-zitten-kogelgaten-willem-zo-laag~28114/
Da die Grablege der Nassauer in Breda lag, das damals von den Spaniern gehalten wurde, bestattete man Wilhelm zunächst provisorisch, dann "richtig" in der Neuen Kirche in Delft, errichtete später ein Prunkgrab und legte so den Grundstein für die königliche Grablege der Oranier. Den Schlüssel zur Gruft hat übrigens der Bürgermeister, den auch der König fragen muß, wenn er in die Gruft will. Sonst kommt niemand hinein. Es gibt auch keine Bilder - na ja, eines.

Blick zur Alten Kirche an der Oude Delft, der ältesten Gracht der Stadt:




Tor zum ehemaligen Beginenhof, heute Standort der altkatholischen Kirche:




Die Oude Kerk (Alte Kirche) ist die christliche Keimzelle von Delft. Bereits 1050 steht hier eine kleine Tuffsteinkirche, was für einen Kirchbau im steinlosen Delta von Rhein, Maas und Schelde zu erheblichen Transportkosten geführt haben dürfte. Vielleicht war der heilige Johannes (der Täufer?) der Patron, spricht man doch von der Kirche als vom "alten Jan", vom Kirchturm als vom "schiefen Jan" und heißt die Kneipe gegenüber "De Oude Jan". Nach ersten Umbau- und Erweiterungsmaßnahmen um 1240 oder 1268 wird der Namenspatron des leitenden gräflichen Beamten Bartholomeus van de Made ihr Patron, der heilige Bartholomäus.

Die Stadt wird reich, die Kirche im 14. Jahrhundert prächtig neu errichtet und dem heiligen Hippolytus geweiht, der auch der Schutzpatron der Stadt ist. Der "Scheve Jan" wurde bereits ab 1325 errichtet. Hier hatte man bei den Fundamentarbeiten vermutlich nicht richtig kalkuliert.





Beim weiteren "Aufbrezeln" der Kirche ist Anfang des 16. Jahrhunderts ein prächtiges Nordquerhaus entstanden (das Dach ist nicht fertig geworden). Der Plan war, die ganze Kirche als Kreuzbasilika aus Naturstein zu erneuern:




Westliche Portalhalle:






Durch eine Komposition aus Stein in der Portalhalle...








... in die Kirche, die natürlich nach protestantischer Manier eine prächtige Orgel hat.




Kühl-calvinistische Festlichkeit:






Calvinistisch-"liturgisches" Zentrum im Mittelschiff. Das Taufbecken wirkt verdächtig katholisch.






Nördliche Chorkapelle, gefühlt die alte Marienkapelle - ich habe bisher in dieser Hinsicht aber nichts herausgefunden. Vielleicht stand hier 1327 das Gnadenbild der Maria von Jesse, von dem ich unten berichte.




Da der Calvinist ja keine Altäre und Chorräume mehr braucht, ersetzt er erstere durch Grabmäler, hier, im Hochchor von St. Hippolyt, das von Piet Hein („Piet Hein, sein Name ist klein. Seine Taten sind groß. Er bezwang die Silberflotte …“)










Namurer Blaustein - immer wieder herrlich:






Hier hätte das Südquerhaus angebaut werden sollen:



Grabmal des Admirals Maarten Tromp.




Nachdem in Delft am 12. Oktober 1654 ein Pulverdepot explodiert war - bis auf die Insel Texel konnte man es hören -, waren die meisten alten Glasfenster der Kirchen zerstört. Man schloß sie - gut calvinistisch - mit Klarglas oder vermauerte sie. Erst während der Restaurierungen im 20. Jahrhundert erwägt man, in die Alte Kirche wieder Buntglasfenster einzusetzen, um sie "im alten Glanz" erstrahlen zu lassen. Den Anfang macht 1954 - zehn Jahre nach Ende der deutschen Besatzung - das Befreiungsfenster im Nordquerhaus, dem 1957 und 1958 weitere mit biblischen Motiven folgen.



Noch einmal die nördliche Chorkapelle:




Am Westende des Nordschiffs befindet sich eine zweite Kanzel für die "Werktagsmessen" ;-)




Immer mehr Stifter fanden sich für neue Fenster, darunter der Delfter Glühlampenfabrikant Anton Philips. Sie schenkten der Kirche 1960 das Fenster von "Willem de Zwijger" (Wilhelm von Oranien-Nassau, "der Schweiger") am Westende des Nordschiffs und das Wilhelminafenster (unten) zu Ehren der Kriegs- und Nachkriegskönigin.





Das Wilhelminafenster (ebenfalls 1960er Jahre) im Westen des südlichen Seitenschiffs. Königin Wilhelmina, 1880-1962, war die starke Mutter der Niederlande in der Kriegs- und Nachkriegszeit:




Gegenüber der Alten Kirche der oben erwähnte Prinzenhof, das alte St. Agatha-Kloster. Hier fand gerade die Ausstellung Willem van Oranie is hier statt, die jedem sehr zu empfehlen ist, der die Niederlande verstehen will.




Laterne mit Delfter Kacheln.






Die alte Klosterkapelle - an der reformatorischen Ausstattung kann man etwas über den Calvinismus lernen.







Blick zur Neuen Kirche:




Turm des Stadt- und Alten Rathauses:





Die Neue Kirche am Markt ist aufgrund mehrerer Lichterscheinungen gegründet worden: Einem Bettler Symon (hierauf weist selbst das Königshaus hin) erstrahlt 1351 ein Licht, in dem der die Umrisse einer goldenen Kirche mit Maria auf dem Thron erkennt. Jan Col ist Zeuge der Erscheinung, die sich bei ihm nach dem Tod Symons wiederholen. Sie hören erst auf, als 1381 am Ort der Erscheinungen eine Kapelle aus Holz errichtet wird, die später durch eine Steinkirche ersetzt wird. Und in dieser auf ein Marienwunder zurückgehenden Kirche werden die niederländischen Könige bestattet! Es gibt noch Hoffnung. :-) Delft war, wie ich las, einst "die Marienstadt von Holland und der weiteren Umgebung".



Gleich neben dem Markt mit der Neuen Kirche, die übrigens gemäß einem Informationsblatt der heiligen Ursula geweiht ist, steht eine neugotische, katholische aus dem 19. Jahrhundert, St. Maria von Jesse (leider genordet; so war das damals...).


Die Neue Kirche von innen:













Im Hochchor statt des Hochaltars das Prunkgrab Wilhelms von Nassau. Sein Leichnam liegt darunter, nicht darin. Die Generalstaaten haben sich bei der Errichtung nicht lumpen lassen. 
Das Grab wurde 1609 in Auftrag gegeben, 1614 von Architekt Hendrick de Keyser begonnen und von dessen Sohn Pieter 1621 fertiggestellt. Edelste Materialien, vollendete Formen... Wann das Calvin wüßte.
Bemerkenswert für die durch den Protestantismus geförderte Individualisierung stehen an den vier Ecken allegorische Figuren, die die Werte verkörpern, für die Prinz Wilhelm gekämpft hat: Freiheit, Gerechtigkeit, Glaube, und kraftvollen Mut.









Ein Engel bläst die Posaune zur Auferstehung, könnte man meinen. Aber die Dame hat zwei Trompeten, die für den guten und den schlechten Ruf stehen. Sie trompetet natürlich den guten Ruf hinaus. 
Die Figur wiegt 2000 kg und ist, da sie auf Zehenspitzen balanciert, während der Errichtung des Grabes mehrfach umgefallen, was die Kosten für das Grabmal weit über das Budget hinaustrieb.








Im Mittelschiff die Kanzel im Süden:




Gegenüber im nördliche Seitenschiff die Kirchenbänke, auf denen sich der Protestant fertig machen läßt und dabei gegen Husten "pepermintjes" lutscht, das calvinistische Sakramentale ;-) ...




... und vielleicht sehnsuchtsvoll auf den einzigen katholischen Rest der Ausstattung schaut.






In der bereits erwähnten katholischen Kirche St. Marien von Jesse (Bilder), die bei meinem Besuch leider geschossen war (eine neugotische Torte!) gibt es eine täglich geöffnete Marienkapelle. Das gekrönte Gnadenbild knüpft an eine Marienfigur an, die 1327 in der Alten Kirche aufgestellt wurde. Dabei wurde eine blinde Machteld aus 's Gravenhage (Den Haag) geheilt. Die alte Figur ist wohl beim zweiten Bildersturm 1573 zerstört worden, als der Katholizismus gänzlich verboten und seine verbliebenen Spuren ausgelöscht wurden. Die heutige stammt, wie man sieht, aus Köln (um 1320, 1939 erworben), entspricht den Beschreibungen der alten und hat gebetsmäßig "gut zu tun".









Die (heute wieder katholische) Heilig-Geist-, jetzt St- Hippolyt-Kapelle: