Mittwoch, 24. August 2016

Venlo St. Martinus

Wenn man vom Niederrhein einschließlich dem westlichen Ruhrgebiet kommt, kennt man Venlo als "praktische Einkaufsstadt", die inzwischen sogar zum Verkehrsverbund Rhein Ruhr gehört. Der "Ruhrpottler" kaufte hier in den 1970er und 80er Jahren seinen Kaffee, seine Zigaretten und tankte billig.




Die Rechtschreibfehler macht der geschäftstüchtige "Pattjacker" bestimmt absichtlich, damit die "Moffen" sich so schön wie im Urlaub fühlen und unbesorgt Geld ausgeben!!! ;-)

Doch Venlo hat viel mehr zu bieten: eine schöne Innenstadt, die die lange und stolze Geschichte der Stadt ablesen läßt. Die Hauptkirche - wir sind im fränkischen Reich - ist dem heiligen Martin von Tours geweiht. Und da die Stadt linksrheinisch liegt (was in der Niederlanden gar nicht so einfach ist), ist man hier katholisch geblieben.




Der Turm von St. Martin ist eigentlich ein Stadtturm (ursprünglich 14. Jh.). Er wurde nach der Bombardierung während des zweiten Weltkrieges wieder aufgebaut, weshalb er den Charme der 1950er verbreitet.



Das Niederländische klingt in deutschen Ohren gerne mal "putzig" - doch Vorsicht: Es könnte trotzdem ernst gemeint sein...



Das Pfarrhaus von St. Martin, ehemaliges Prämonstratenser- (Norbertijnen-) kloster



Gegenüberliegendes altes Waisenhaus



Zunächst machte ich einen kurzen Stadtrundgang.

Zur Zeit reformierte Kirche...



... ehemals St. Georg /Sint Joris



Rathaus



Nach dem Stadtrundgang war die Kirche unerwarteterweise geschlossen. Ich fuhr also bei besserem Wetter noch einmal hin. Nun konnte ich hinein. Die Pfarrei St. Martin wurde 760 von St. Martin Tegelen abgepfarrt. Die ersten Holzkirchen mußten wegen der vielen Bekehrungen zum Christentum immer wieder größer gebaut werden. Um 1000 wurde die erste, romanische Steinkirche errichtet. 1480 wurde sie in eine gotische Hallenkirche umgebaut. 

(Verstehentlich war der Photoapparat auf hohe Lichtempfindlichkeit eingestellt, so daß die folgenden Bilder sehr grobkörnig sind.)




Die Pfarrei hatte vor dem Zweiten Weltkrieg neue Fenster bestellt - sozusagen im nachneugotischen Stil - aber nicht eingebaut. Nach der Bombardierung wurde die Kirche formgleich, wenn auch aus Beton wieder errichtet. Die bestellten Fenster wurden installiert und sind so bis heute zu bewundern. Wegen der Lichtverhältnisse ist ihre Wirkung leider nicht auf Photos zu bannen. 



St. Martins- und Sakramentskapelle



Südchor (heute Taufkapelle) mit den alten Hochchorfenstern



Südliches Seitenschiff nach Westen



Eingang zum Südchor



Südchor


Blick vom Südchor nach Norden



Marienkapelle




noch einmal: Südliches Seitenschiff nach Westen



Mittelschiff nach Westen



Neugotischer Hochaltar







Figur des heiligen Willibrord (wir sind in seinem Missionsgebiet):



Heiliger Isidor von Madrid (hier war ja mal Spanien)



Einer von zwei adorierenden Engeln an den Chorpfeilern. Sie schauten ehedem zum Hochaltar, wurden aber nach der letzten Liturgiereform umgedreht, so daß sie nun die Orgel anbeten.


Sakramentsaltar in der Martinskapelle




Das Westfenster des Südschiffes erinnert im oberen Teil an die Bombardierung der Stadt. Unten ist die Mantelteilung des heiligen Martin zu sehen - Mahnung zur Nächstenliebe an die die Kirche Verlassenden.



in der nördlichen Neustadt - Jugendstil muß nicht immer schön sein.




Das ist die St. Martinskirche der Venloer Mutterpfarrei Tegelen (gehört heute kirchlich und kommunal zu Venlo) - Gründung 720, Turm von 1430, Kirche von 1900. Leider konnte ich nur durch eine geschlossene Glastür hineinschauen.







Montag, 22. August 2016

Liturgisches Unterholz

Nach dem Römischen Meßbuch von 1957 (einem sog. tridentinischen) wird am 22. August das Fest des Unbefleckten Herzens Mariens (Duplex II. Klasse) gefeiert und das Gedächtnis der Heiligen Timotheus, Hippolyt und Symphorian (schöner Name eigentlich) begangen. 

Am Ende der Tagesmesse findet sich folgende Rubrik:

Wenn heute Samstag ist, wird da, wo die Verpflichtung des Chor(gebet)es besteht, im Chor nach der Terz die Konventmesse vom Fest gefeiert (dicitur) wie oben, außerhalb des Chores nach der Non wird die vorgezogene Vigilmesse des heiligen Apostels Bartholomäus gelesen, wie es am folgenden Tag beschrieben ist, an dem nämlich Privatmessen verboten sind. 

Alles klar?

Am folgenden 23. August, an dem das Fest des heiligen Bekenners Benitus (Duplex) gefeiert und die Vigil des Festes des heiligen Apostels Batholomäus kommemoriert wird - aber nur in Konventmessen! -, heißt es dann:

Wo die Verpflichtung des Chor(gebet)es besteht, wird nach gelesener Terz außerhalb des Chores die Messe vom Fest ohne Kommemoration der Vigil, im Chor nach der Non die Vigilmesse gefeiert (dicitur), mit der 2. Oration von der Heiligen Maria Concéde, und der dritten Oration gegen die Verfolger der Kirche oder für den Papst (...); und von der Vigil können auch Privatmessen gefeiert werden (dici) - nur mit der 2. Oration des Festes.

PS: Folgende sachkundige Nachricht ist dazu eingegangen:


auch für die Osnabrücker Direktorien aus dem 18. Jahrhundert war dies immer ein großes Problem: die doppelten Konventmessen an den Tagen mit Bußcharakter, auf welche ein Heiligenfest fällt. 

Praktisch sah das so aus, dass einer der Domherren oder Domvikare, Mönche oder Mendikanten-Patres an einem Seitenaltar (sine populo und sine choro) die zweite Konventmesse feierte. Dazu gehörte das Privilegium, auch mehrere Kerzen brennen zu haben. Bei einer normalen Privatmesse durften ja nur 2 Kerzen brennen. 

Wer feierte nun die zweite Messe? Es war in Osnabrück der Ex-Hebdomadar, also der Wochenpriester der vergangenen Woche. Im Direktorium des Osnabrücker Domkapitels von 1941 liest man zum Beispiel: "Montag, dem 23. Juni – dem Vigiltag von St. Johannes und gleichzeitig Tag in der Herz-Jesu-Oktav: Officium von der Herz-Jesu-Oktav. Der Hebdomadar singt im Chor (d.h. am Hochaltar) nach der Non die Messe vom Vigiltag des hl. Johannes in Violett, der Exhebdomadar liest außerhalb des Chores die Messe von der Herz-Jesu-Oktav."

Im Missale von Papst Pius XII. von 1957 (http://www.clerus.org/bibliaclerusonline/it/index2.htm - dann unter: La celebrazione del Mistero / Testi liturgici / Messali / Missale Romanum 1957) finden sich noch die erwähnten Rubriken:
"Ubi adest obligatio Chori, lecta post Tertiam extra Chorum Missa de Festo sine Commemoratione Vigiliae, in Choro post Nonam dicitur Missa de Vigilia, ut infra ; et de Vigilia dici possunt etiam Missae privatae cum 2a tantum Oratione Festi.Si hodie fuerit Sabbatum, fit de Vigilia anticipata S. Bartholomaei Apostoli, ut die sequenti notatur."
In diesem Messbuch von 1957 findet sich auch am Anfang jedes neuen Monats die Rubrik über die monatliche Totenmesse am ersten festfreien Tag: "Nach der Prim wird die Konventmesse für die Toten gefeiert, in den Privatmessen ist die vorletzte der Orationen jeweils die allgemeine Toten-Oration 'Fidelium'." (Prima die mensis in qua fiat Officium de Feria communi, et primo resumenda non sit Missa praecedentis Dominicae impedita, in Choro post Primam dicitur Missa conventualis pro Defunctis, juxta Rubricas, et in Missis privatis, quae non sint Defunctorum, paenultimo loco dicitur Oratio Fidélium."
Die allgemeinde Toten-Oration ist: 
"Fidelium Deus omnium conditor et redemptor, animabus famulorum famularumque tuarum remissionem cunctorum tribue peccatorum: ut iudulgentiam, quam semper optaverunt, piis supplicationibus consequantur. Qui vivis et regnas in saecula saeculorum. R. Amen. 
Im Missale Romanum von 1962 (zu Zeiten des hl. Johannes XXIII.) gibt es all diese Rubriken aber nicht mehr,da ja die Vigilien der meisten Apostelfeste gestrichen waren und auch schon ein Teil der Oktaven wegfiel. Auch die Rubriken “ubi est obligatio chori” sind entfallen.

Montag, 15. August 2016

St. Maximilian Ruhrort - Frucht und Opfer der Industrialisierung

Als die Bewohner des Homberger Werths 1371 eines morgens aufwachten, befanden sie sich auf der anderen Rheinseite. Allerdings dürften sie in dieser Nacht kaum geschlafen haben, denn das Hochwasser des Rheins forderte ihre ganze Aufmerksamkeit und Kraft.

Der Ort wurde schon zu "linksrheinischen" Zeiten "Ruhr-oort" genannt, d. h. Ruhrspitze (=Mündung). Nun lag das Dorf tatsächlich an der Ruhr, nicht mehr gegenüber.

Diese Lage am Tor zum späteren Ruhrgebiet führte zur Gründung des Hafens, der der größte Binnenhafen der Welt werden sollte.

Nachteil der neuen Lage war, daß man nun mit dem Boot zur Kirche in Halen mußte, zu dem Ruhrort pfarrlich gehörte. Das führte zu vielen Un- und  Todesfällen. Erst am 13. Juli 1489 wurde Ruhrort von Halen abgepfarrt. Die kleine neue Pfarrkirche wurde dem heiligen Jakobus d. Ä. - dem von Santiago di Compostela - geweiht. 1551 trat die Pfarrei geschlossen zur Reformation über.

Die Entdeckung der Kohle, die Entwicklung der Industrie und des Hafens führten zu einem rasanten Aufstieg der Stadt. Bis in die 1930er Jahre lebten hier mehr Millionäre als in Berlin. Die damals mehrtägigen Liegezeiten der Schiffe für das Löschen und Beladen führte zu längeren Aufenthalten von Kapitänen und Besatzung - mit den entsprechenden Folgen für das Gastgewerbe in vielen "Geschmacksrichtungen"... Das beschauliche Städtchen bekam eine gründerzeitliche Neustadt (die Altstadt wurde nach dem Zweiten Weltkrieg dem Verfall preisgegeben und in den 1980ern in frühpostmodernem Stil scheußlich bebaut) und darin zwei neue Kirchen im klassizistischen Stil: 

- Die evangelische, die in der Tradition der alten St. Jakobus-Pfarrei stand, zugleich Schifferkirche für die protestantischen Fahrenden und zudem Sitz der "Nederlandse kerk aan de Ruhr" war. Die Kirche ist inzwischen, bis auf den Turm, abgerissen, die Gemeinde mit Beeck fusioniert.

- Für die katholischen Zuwanderer Schiffer wurde eine Pfarrei gegründet (sie gehört inzwischen zu St. Michael Meiderich) und 1845-47 von Architekt Johann Freyse aus Krefeld eine dem heiligen Maximilian von Celeia († 284) geweihte Kirche gebaut, die sehr schnell zu klein wurde. Architekt Heinrich Wiethase (Köln) plante eine neugotische Hallenkirche, deren Chor und Querhaus unter Beibehaltung des klassizistischen Schiffs 1867-71 errichtet wurden - dann war (kriegsbedingt?) das Geld alle.

Die Industrialisierung ging weiter: Neue Ladetechnik verkürzte die Liegezeit der Schiffe, die Landgänge der Besatzung entfielen, Gastgewerbe und Geschäftswelt wurden weitgehend ruiniert, Telephon und Internet machten die Schifferbörse überflüssig. Die Abwanderung der Bevölkerung aus dem Ruhrgebiet tut bis heute ein Übriges, so daß die einst stolze Schifferstadt um das Überleben kämpft. Die Stadt Duisburg bemüht sich, Haniel spendet und investiert wie eh und je. Doch die Welt dreht sich weiter und der Kampf ist hart. Viele Kirchen im Ruhrgebiet stehen aus personellen und finanziellen Gründen vor der Schließung, etliche sind schon geschlossen und abgerissen. Musiker- und Küsterdienste finden oft im Ehrenamt statt.

Außen - der östliche klassizistische Teil an der Fabrikstraße:






Hinten der Turm von "Neu-St.-Jakobus", der inzwischen abgerissen protestantischen Kirche:




Links die klassizistische Kirchenwand, hinten der angesetzte neugotische Teil.





Eine Tür der klassizistischen Kirche ist in den neugotischen Teil übernommen worden:



Das Maximilianhaus (Pfarrheim):




Die herrliche "nachromantische" Seifertorgel aus den 1950er Jahren:



Übergang vom neugotischen zum klassizistischen Teil:







Sakristeitür mit gotischer Salvatorfigur:





In der Nachkriegszeit schaffte die Pfarrei künstlerisch hochwertige Fenster an. Die Fenster mit figürlicher Darstellung stammen im im neugotischen Teil von Heinrich Dieckmann (1953), im klassizistischen von Sr. Ehrentrud Trost OSB (1957).




Neugotischer Hochaltar





Die Hochchorfenster von Heinrich Dieckmann verbinden die Auferstehung Christi und das Jüngste Gericht: in der Mitte Christus als Auferstandener, in den beiden Seitenfenstern sind nach Art einer Deesis die Gottesmutter und der Pfarrpatron St. Maximilian, die Christus für die Verstorbenen bitten.