Freitag, 12. Dezember 2008

Nach dem Streitgespräch

Huckbald Ostermann, der beim Streitgespräch zwischen Martin Mosebach und Prof. Thomas Sternberg anwesend war, schreibt:


Die Häresie der Formlosigkeit spiegelte sich im Auftritt von Prof. Sternberg! Hier der strukturierte Herr Mosebach und dann der Politprofi, der sich als Vertreter der neuheitlichen ´Religion des Verstandes´im Flussbett zwischen protestantischen Reformation und der atheistischen Aufklärung bewegt und im ständigen Kampf um die Gleichberechtigung steht. Der Ungehorsam der Bischöfe gegenüber „Souverän“ Papst wird aus demokratischem Verständnis toleriert. Dem Pfarrer, der „zugibt“ die alte Messe zu zelebrieren – und bei der Zelebration der neuen ein Gebet durch eines aus der alten austauscht, wird mit hochrotem Kopf gemaßregelt! ("Disziplinarverfahren!!!")

Prof. Sternberg gehört zu den Vertretern seiner Klasse, die einen Humanismus und Individualismus verkörpern, der vornehmlich ab der Französischen Revolution in immer gesteigertem Tempo sich von seinem göttlichen Ursprung löst und einer absoluten Autarkie zustrebt, die wirtschaftlich im Kapitalismus und Neuheidentum und politisch in der liberalen Massendemokratie ihren angemessenen Ausdruck findet.

Ich habe mit Herrn Mosebach nach der Veranstaltung noch ein paar Worte gewechselt und ihn über ein Geheimnis berichtet, das lediglich dem Prof. Sternberg und seinen Anhängern bekannt ist. Es handele sich um einen bisher unentdeckten Fehler aus dem Mittelhocharamäischen. Jesus habe nämlich, von Pilatus gefragt, ob er ein König sei, geantwortet: „Ich bin ein Demokrat!“

Franz Kronbeck, Das verratene Wort:  "… Sobald die Bedeutung der Dinge nicht mehr gegeben ist, wird den Menschen nach und nach die Kraft verlassen, sein Leben, dem Urbild, das der Himmel an ihn gelegt hat, entsprechend zu entfalten. So fallen ihm auch die einzelnen Dinge seiner Welt auseinander, sie verlieren ihre Mitte. Am Ende dieses Prozesses, wenn sie wesenlos geworden sind, vermögen es die Dinge nicht mehr, sich im Dasein zu halten, womit eine Atomisierung der Welt in Gang gebracht ist, die aus der Entstellung der Wesenheiten ihren Anfang nimmt."

Wie können es ungeweihte Hände wagen, die Hostie zu berühren? Ich kann doch nicht anders und muß mich doch vor Christus (dem Tabernakel) und unter Tränen in den Staub werfen! - Da aber ein solches Verhalten undemokratisch ist, will ich auch keiner sein!

Donnerstag, 11. Dezember 2008

Mosebach in Münster

„Da waren sie wieder, die altliberalen Argumente aus der Mottenkiste: auch bei der alten Messe gab es Mißbräuche, heute ist es doch gar nicht mehr so schlimm wie in den 70ern und der pöse, pöse Ästhetizismus! Wenn es gerade paßt, wird auch das sonst so geschmähte und ignorierte Kirchenrecht herangezogen. Hat es je einen Gläubigen interessiert, ob der Zelebrant das Credo leise für sich mitbetet oder nicht? Guardini wird flugs in den Rang eines Kirchenlehrers erhoben und Pius XII, der das neue Meßbuch wahrscheinlich nicht einmal mit spitzen und pontifikalbehandschuhten Fingern angefasst hätte, wird mit ins Boot der Reformer geholt! – Kein Wort zur Entsakralisierung und dazu, daß die Reform in der durchgeführten Weise eben gerade nicht durch das Konzil intendiert war.“

So schieb ein Freund im Rückblick auf das Streitgespräch zwischen dem Romancier Martin Mosebach und dem Leiter der kath. Akademie Franz-Hitze-Haus, Münster, Prof. Dr. Thomas Sternberg MdL, das am 10. Dezember im Bischöflichen Priesterseminar Borromäum in Münster im Rahmen der akademischen Vortragsreihe „Forum Borromäum“ stattgefunden hat. (Hier die Darstellung des Abends durch das Priesterseminar)

Es waren (ich konnte es nicht genau zählen) wenigstens 80 Personen gekommen, darunter die Hausleitung des Priesterseminars und etliche andere Priester.

Nach der souveränen Einführung durch den Priesteramtskandidaten Dr. Oliver Rote trug Martin Mosebach pointiert seine Thesen vor, die eine Zusammenfassung seines Buches „Häresie der Formlosigkeit“ darstellten, welches dem Abend seinen Titel gab. 

Er sagte unter anderem, daß die Liturgiereform von 1969

  • nicht von den Konzilsvätern intendiert war (eine solche Reform im Sinne einer behutsamen Durchsicht der Bücher hatte bereits 1965 stattgefunden),
  • ein in der Geschichte der Kirche beispielloser Bruch mit der Tradition gewesen sei,
  • die einzige Reform in der Kirchengeschichte sei, die die Disziplin (Ehrfurchtszeichen) nicht verschärft habe, wie dies durch die Natur des Menschen immer wieder nötig sei, sondern gelockert,
  • ihrem eigenen Anspruch nicht gerecht werde, sich an den alten Bräuchen zu orientieren, so sei z.B. inzwischen nachgewiesen, daß es eine (ausdrücklich so verstandene) Zelebration zum Volk hin nie gegeben habe (wohl den Umstand, daß bei der durchgängig geosteten Zelebrationsrichtung in gewesteten Kirchen das Volk dem Zelebranten gegenüberstand – der Verf.),
  • ihrem eigenen Ziel nicht gerecht geworden sei, daß die Gläubigen bewußter und tiefer an den Geheimnissen teilnehmen, denn religiöses Grundwissen wie Kirchbesuch der Katholiken seien heute dramatisch gering, ja man stehe vor einem religiösen Desaster,
  • widerspreche dem Bedürfnis des religiös suchenden Menschen, in den Raum der Heiligkeit einzutreten, in dem mir ein „göttlicher“ Ritus gegeben ist, der nicht unserer Verfügung unterliegt,
  • in ihren konkreten (über die Rubriken des Meßbuchs weit hinausgehenden) Formen zu einer banalen Gemeinschaftsfeier geführt habe, in der viele etwas beitragen, in der eine Haltung des Anspruchs, der Kritik, des ständig neu Gestaltens prägend und in der Ehrfurcht, Heiligkeit und die Dankbarkeit, hinzutreten zu dürfen, verschwunden seien.

Das Publikum applaudierte lang und laut nach dem Beitrag von Herrn Mosebach. Einige natürlich nicht (und das möglichst auffällig...).

Prof. Sternberg erwiderte im Ton konziliant und bestätigte zunächst die von Herrn Mosebach vorgetragenen Problemanzeigen. Nur wollte er nicht dessen Konsequenz teilen. Mosebach hatte gefordert, zum alten Ordo zurückzukehren – wenn nicht in der regelmäßigen flächendeckenden Feier, so noch im Sinne eines Maßnehmens für die Feier des Ordo Novus, wozu die gregorianische Messe möglichst für alle erreichbar gemacht werden müsse.

Prof Sternberg baute seine Erwiderung unter anderem auf diese Thesen auf:

  • Die paulinische Messe habe eine andere Liturgietheologie: Das Volk – auch die eigens betonten Frauen – seien wesentlicher Bestandteil der Feier. Früher hätten sie zur Gültigkeit der Messe nichts beigetragen.
  • Die Freunde der gregorianischen Messe seien häufig „Ästheten“ (klarer wäre "Ästhetizisten") und liefen daher Gefahr, sich angesichts des Glaubens- und Transzendenzverlustes des modernen Menschen in die Form zu flüchten; hiervor habe schon selbst der Ästhet Romano Guardini gewarnt.
  • Die paulinische Messe sei durchaus eine kontinuierliche Entwicklung der römischen Messe und nichts Neues.
  • Auch die gregorianische Messe sei „schlampig“ zelebriert worden, wie die paulinische durchaus würdig und sakral gefeiert werden könne; im übrigen seien die liturgischen Mißstände eher ein Phänomen der 1970er und 80er Jahre als unserer Zeit.
  • Der Ritus der römischen Messe bis 1965/69 sei natürlich auch das Ergebnis von Veränderungen.
  • Im Übrigen sei die praktisch durchgeführte „Reform“ von der Landessprache bis hin zum „Umdrehen der Altäre“ nicht nur eine Frucht des Konzils. Es habe sich vielmehr um Befreiungsschläge gehandelt, auf die liturgische Katholiken zum Teil schon seit Jahrzehnten gewartet hätten.
  • Das Problem dieser Befreiung sei, daß nur der sie zu schätzen wisse, der das "Rasseln der gefallenen Kette" noch hört. Und dies sei 40 Jahre danach nur noch bei den Älteren der Fall. Den Versuch, die genannten Probleme durch einen Schritt „40 Jahre zurück“ zu lösen, halte er für aussichtslos.

Auch Prof. Sternberg erhielt langen Applaus.

Im anschließenden Gespräch zwischen Sternberg und Mosebach wies zunächst letzterer den oft wiederholten „Ästhetizismusvorwurf“ entschieden von sich: Liturgie, ja Glaube, werde von Menschen vollzogen, und diese begriffen nun einmal mit den Sinnen.

Veränderungen in der alten Liturgie seien immer mit dem Ziel des Bewahrens oder der Rückkehr zum Alten, zum Kern vollzogen worden. Die Reform Pauls VI. hatte das Ziel des Änderns (z.B. Gebete zur Gabenbereitung, die früher den Eintritt ins Opfergeschehen ausdrückten, heute einem jüdischen Tischgebet ähneln).

Sternberg wies Mosebach einige historische Unstimmigkeiten nach. Mosebach blieb davon ungerührt. Er vertrat seinen Standpunkt weiterhin mit Vehemenz. Sterbergs suchte den Ausgleich („Wir sind da nahe beieinander.“). Es zeigte sich die Übereinstimmung in der Sicht der Probleme. Während aber Mosebach die gregorianische Messe als Lösung vorschlug, blieb Sternberg dabei, daß es im Ritus kein grundsätzliches Problem gebe, das sei eher im Glaubensschwund zu sehen, und da helfe der Ritus nichts.

In der engagierten Diskussion mit dem Publikum warf ein Priester Mosebach vor, er vertrete eine nicht zu verantwortende Gemeindetheologie, in dem er das Volk Gottes (wieder) entmündigen und der Macht des Klerus unterstellen wolle, was Mosebach leicht widerlegen konnte, indem er aufzeige, daß die gregorianische Messe viel „demokratischer“ sei, weil dort Priester und Volk gemeinsam unter dem Ritus stünden und dem Priester (und sonstigen Personen) kein Spielraum für eigenmächtige Veränderungen gegeben sei.

Die weiteren Äußerungen waren, soweit ich mich erinnere, ausschließlich „pro missa gregoriana“.

Am Ende entkräftete ein Pfarrer, der selbst regelmäßig die Messe in der gregorianischen Form feiert, die These Sternbergs von der anderen liturgietheologischen- und rechtlichen Situation in der paulinischen Messe (Volk als konstitutiver Bestandteil für ihre Gültigkeit), indem er darauf hinwies, daß es zur Zelebration der gregorianischen Messe immer wenigstens eines Meßdieners bedurfte und daß erst das paulinische Meßbuch einen eigenen Meßordo „sine populo“ eingeführt habe.Eine kirchenrechtliche Argumentation führe in dieser Sache nicht weiter, weil sie in der Praxis nicht von Interesse sei. Er äußerte die Vermutung, daß Papst Benedikt die „Alte Messe“ wieder allgemein zugelassen haben, damit es zu einer Versöhnung, zu einem unverkrampften Umgang mit beiden Formen der einen römischen Messe komme und die beiden Ordines sich gegenseitig bereichern. Er selbst entdecke die Dramaturgie der gregorianischen Messe als bereichernd, hier seien vor allem das Stufengebet, die gemeinsame Gebetsrichtung, die vielen Zeichen der Ehrfurcht und die Exaktheit der Zelebration zu nennen.

Ein großes Dankeschön gilt den Borromäern, die den Abend organisiert, und die Hausleitung des Bischöflichen Priesterseminars, die die Einladung an das „Schmuddelkind“ Martin Mosebach zugelassen und durch ihre Präsenz mitgetragen haben!

Übrigens habe ich dem Freund geantwortet:

„Wirklich zufrieden sein kann man mit dem gestrigen Abend nicht. (Übrigens fand ich Mosebach im Gespräch auch nicht ganz überzeugend - Herzblut allein hilft nicht.) Aber vergiß nicht: Das Ganze hat in der Aula des Priesterseminars - Domplatz 8 in Münster - stattgefunden; die Hausleitung, etliche Priester waren da. Das Thema ist in der Mitte angekommen. Nun muß es wirken - oder besser der Hl. Geist.

Daß den Altliberalen mit Argumenten nicht beizukommen ist, ist ja nichts Neues. Von Lebensalter und -geschichte her kann ich das sogar verstehen. Aber man hat miteinander gesprochen. Das wäre vor wenigen Jahren nicht denkbar gewesen.

Also: Freuen wir uns, erlöst zu sein (so ganz grundsätzlich sowieso und auch durch summorum pontificium), und überlassen wir den Rest betend und handelnd dem Lenker der Zeiten.“

Dienstag, 11. November 2008

Frohes Fest!

Treffen sich zwei Gänse. Fragt die eine: "Kennst du 'Spiel mir das Lied vom Tod?'" -
"Klar", sagt die andere: "Sankt Martin, Sankt Martin ...".

Der entscheidende Unterschied

Was ist der Unterschied zwischen einem Missionar und einem Pastor?
Der Missionar macht die Wilden fromm, der Pastor die Frommen wild.

Donnerstag, 30. Oktober 2008

Heute Morgen im Abendland


Heimat, die ich meine
Auf dem Wochenmarkt komme ich mit dem holländischen Fischhändler beim Bezahlen (hier endet alle niederländische Toleranz und Lockerheit) auf das Thema calvinistische Knauserigkeit. Er fragte, was denn daran so schlecht sei. Ich erwiderte: Daß es keinen Spaß macht. Er nickte anerkennend und sagte: "Ja, die in Burgund, die verstehen etwas vom schönen Leben" - und meinte damit die beiden linksrheinischen Halbprovinzen Limburg und Brabant.
Hintergrund: Es gab mal einen Staat Niederburgund, der sich ziemlich genau mit der Gegend deckt, in der man katholisch ist, fränkisches Niederdeutsch spricht, Rosinenstuten mit Leberwurst und zu Allerheiligen Schwarzbrot mit Spekelatz und ganz dick Butter ißt und Karneval feiert; die niederrheinische Heimat im weiteren Sinne. Es ist doch schön zu wissen daß das alte Heimatland in den Niederlanden sprachlich noch existiert.

Feiertag
Kurz darauf beim Gemüsehändler, einem etwa 30jährigen freundlichen Mohammedaner aus dem Arabischen, mit dem ich mich immer gerne unterhalte - nicht selten über den Glauben. Als ich meinen Einkauf beendet hatte, wünschte er mir (wir schreiben den 30. Oktober) einen schönen Feiertag. Ich freute mich, bedankte mich, wünschte ihm das gleiche (nämlich, daß er irgendwann auch die Freude feiern dürfe, zu allen Heiligen in Christus zu gehören; das sagte ich aber nicht). Dann fragte er: "Und? Machen Sie was an Halloween?"

N-Ivo

Neulich in einer Sonderschule in einem Kölner Vorstadtbezirk: Ein neuer Schüler kommt mit seinen Eltern in die Klasse. Die Lehrerin fordert ihn auch, sich vorzustellen. Der Knirps baut sich vor seinen neuen Mitschülern auf und kräht: "Ja, hallo, 'sch sin d'r Öwwes, un 'sch sin ach Jahr alt..." Die Lehrerin unterbricht ihn: "Ich habe deinen Namen nicht verstanden. Kannst Du ihn bitte wiederholen?" - "Sch sin d'r Öwwes." Die Lehrerin wendet sich an den Vater (Goldkettchen, Tättowierung, Vokuhilafrisur, Schnautzbart): "Ich verstehe immer noch nicht. Wie heißt Ihr Sohn?" - "Dat is d'r Öwwes." Die Lehrerin, völlig perplex, bittet den Vater, den Namen an die Tafel zu schreiben. Er nimmt ein Stück Kreide und schreibt: "YVES".

Samstag, 20. September 2008

Migrationshintergründig...

"Der 38 Jahre alte Kameruner habe sich illegal in Deutschland aufgehalten, sagte Ramon van der Maat, Sprecher der Duisburger Polizei" (Westfälische Nachrichten 20. 9. 2009)

Donnerstag, 4. September 2008

Mensch Clemens

Eine katholische Blogger-Initiative antwortet dem protestantischen Liedermacher und Pfarrer Clemens Bittlinger auf dessen Papstgesang: hier.

Mittwoch, 20. August 2008

Mariae Himmelfahrt in Frankreich

In der Woche von Mariä Himmelfahrt bin ich nach Chartres gefahren. Ich brauche das ab und zu. Und übers Patronatsfest dort zu sein, war natürlich besonders verlockend. Ich war von Dienstagabend an dort, verbrachte den Mittwoch in Kathedrale und Stadt und fuhr am Donnerstag – der Vigil des Himmelfahrtsfestes – nach Paris.

Eigentlich wollte ich einige aussagekräftige Bilder über die Gotik machen, vor allem in St. Denis und von der Sainte Chapelle. Ich hatte meinen Photoapparat aber in Chartres vergessen, und so dachte ich: dann kannst du dir auch mal den Montmatre ansehen. Dort steht nämlich die ursprünglich merowingische Kirche St. Pierre, die ich noch nicht gesehen hatte. Sie ist in der Romanik modernisiert und im 20. Jahrhundert „entrümpelt“ worden, aber dennoch schlicht und schön.

Vor einiger Zeit hat man direkt neben St. Pierre eine große neue Kirche mir kitschigen Mosaiken gebaut (ja, ich meine Sacré Coeur). Nicht wirklich schön, aber aushaltbar. Den ganzen Tag ist dort das Allerheiligste über dem Hochaltar ausgesetzt. Erfreulich: viele Menschen (als ich dort war, sicher 200) nahmen diese Gelegenheit war.

Da die Jerusalemgemeinschaft in St. Gervais Konventsferien machte, konnte ich dort nicht an Vesper und Messe teilnehmen, wie ich es gerne tue. Also ging ich nach Notre-Dame, wo schon kräftig geläutet wurde (mit Bourdon).

Die Menschenmassen in der Kathedrale sind unglaublich. Alle Portale stehen offen, um die Luft frisch zu halten. Den Chorumgang, den man früher nur als Zugang zur Sakramentskapelle benutzen durfte, hat man allgemein geöffnet. Das Sakrament ist nicht mehr in der Marienkapelle (also im Chorscheitel), sondern in der rechts angrenzenden. Dort hatte ich zuvor den Schluß einer Sakramentsandacht erlebt: Ein Domkapitular (immerhin in neuem Damastchormantel) stand mit dem Rücken zum Tabernakel und betete mit ausgebreiteten Armen zu Jesus, um dann ohne jede Reverenz die Kapelle zu verlassen. Natürlich werde ich nicht über den Menschen urteilen. Aber die Botschaft, die bei mir ankam, war ein echtes Unglaubensbekennentnis...

Später begann dann die Vesper – das Mittelschiff war gesteckt voll, davon etwa die Hälfte Maximalpigmentierte (vormals "Neger"). Es war eine Pontifikalvesper zu Mariae Himmelfahrt. Drei Meßdiener, zwei Kantoren, von denen einer die Antiphon der Psalmen vorsang und der andere im Wechsel mit dem Volk psallierte. Dieses erwies sich als liturgisch sattelfest und verneigte sich selbständig zu den Doxologien. (Ich hatte den Eindruck, der maximalpigmentierte französische Migrationshintergründler neigt – wenn er denn katholisch ist – zu den liturgischen Hardlinern.)

Nach der Lesung folgte sofort das Magnificat auf lateinisch. Bisher war alles auf französisch gewesen. Der Gesang des Volkes beim Magnificat war kräftiger, als bei den französischen Psalmen. Das könnte natürlich an den vielen Nichtfranzosen liegen, die Notre-Dame ja auch gerne mal besuchen. Die Fürbitten wurden von drei spontan zu Freiwilligen erklärten jungen Damen in Französisch, Spanisch und – wars Englisch? Ich weiß es nicht mehr – vorgetragen, und zwar am Ambo zum Volke hin. Fürbittruf und das anschließende Vaterunser waren natürlich wieder in französischer Sprache gehalten. Beim Gebet des Herrn habe ich unandächtigerweise umhergesehen: weniger als die Hälfte der Gläubigen sang mit. Die Oration wurde feierlich gesprochen. Und weil man gerade das älteste und wichtigste Marienfest eröffnet hatte und sich in einem Mariendom befand, verzichtete man sinnvollerweise auf die marianische Antiphon.

Ich hatte den Eindruck, daß in der Pariser Kathedrale, was die Liturgie angeht, nach oben durchaus noch Luft ist...

Abends konnte ich mich bei einem Orgelkonzert in der chartreser Kathedrale auf die Nacht und das kommende Fest einstimmen lassen.

Das Choralamt um 9.15h war wunderbar. Auch war es ganz ordentlich besucht, was bemerkenswert ist, einerseits, weil diese Uhrzeit an einem Feiertag in romanischen Ländern eine Zumutung ist, und andererseits, weil der Dompfarrer nach dem Motu Proprio „Summorum Pontificium“ angeordnet hat, daß in der alten Benediktinerabteikirche St.Pierre – ebenfalls in der Altstadt – jeden Sonn- und Feiertag um 9.00 Uhr die Messe in der außerordentlichen Form gefeiert wird. Dort, fänden sich regelmäßig um die 100 Gläubige ein, wie ich hörte.

In der Kathedrale war die Hauptreliquie, der Schleier Mariens, auf dem geschmückten Hochaltar ausgestellt. Die Messen wurden – beide mit viel Weihrauch – auf dem Vierungsaltar gefeiert.






Das französische Pontifikalamt zelebrierte der Weihbischof des lateinischen Patriarchen von Jerusalem. Die exzellenten Meßdiener dienten in beiden Messen.












Domkapitular Emanuel, Hauptzelebrant des Choralamts, fungierte im französischem Pontifikalamt als Zeremoniar, wie es sich gehört in violetter Soutane.

Er zelebriert ganz wunderbar und ist so blind, daß er mich jedesmal (es war jetzt bestimmt das fünftte mal, daß ich bei ihm konzelebrierte) fragt, ob ich das erstemal in Chartres sei... Man muß ihn einfach mögen.

Leider konnte ich am restlichen Programm des Tages nicht teilnehmen, da ich den Heimweg antreten mußte. Es waren noch Rosenkranzgebet, eucharistische Anbetung, Prozession mit Krönung und Tragung einer Marienfigur und die Vesper vorgesehen.


Auf dem Rückweg konnte ich dann doch noch einige Bilder in St. Denis machen. Der Stadtteil ist eine soziale und städtebauliche Katastrophe, aber die alte Abtei ist eben Grablege der französischen Könige und der Ursprung der Gotik.

















Es erfüllte mich mit Freude, daß sowohl in Frankreich als auch in Belgien der 15. August staatlicher Feiertag ist. In Belgien wird das – wie auch der Sonntag – knallhart durchgezogen: Nur die Tankstellen an den Autobahnen sind geöffnet und – zur Strafe für die, die den Feiertag schänden – mit übelgelauntem Personal besetzt. Schön! Es gibt das Abendland noch.

Urlaub an der Grenze

Eine knappe Woche habe ich Urlaub an der Ostgrenze gemacht - des karolingischen Reiches nämlich. Ich war an der Weser.
Quartier bezogen habe ich in Hameln, einer schönen Fachwerkstadt mit seinem lutherischen Münster St. Bonifatius. Stadt und Stift stehen mutigerweise auf der rechten und damit ostfälischen Weserseite.
Die Luft ist herrlich, man kann gut wandern, ordentlich und günstig essen und trinken.




























Dieses Bild aus der Hamelner Innenstadt sei dem geschätzten Leser zur frommen Andacht empfohlen. (In dem Ladenlokal befindet sich ein Esoterikgeschäft.)









 Auf dem Weg mit dem Auto nach Corvey traf ich auf die ehemalige Benediktinerinnenkirche Kemnade. Ein in der Romanik modernisierter karolingischer Bau, die, wie alle anderen in der Gegend auch, protestantisch wurde und praktisch unverändert geblieben ist.









































Anschließend wollte ich in Holzminden einen Aperitiv in Form eines Hopfenkaltgetränks nehmen und stolperte auf dem Weg zum Biergarten über einen waschechten Raddampfer, der nach Höxter fuhr. Ich ging an Bord und genoß eine schöne zweistündige Flußschiffahrt, aß in Höxter zu Mittag und lief auf der ostfälischen Seite an Corvey vorbei den Fluß wieder hinab.



Da der Photoapparat im Auto geblieben und der Fußweg zur Abtei Corvey zu weit war, mußte ich am nächsten Tag mit den Auto nach Corvey fahren. Die Gründung dieser Reichsabtei erfolgte auf Anregung Karls des Großen durch dessen Sohn Ludwig den Frommen. Die Anlage ist im wesentlichen erhalten, nur barockisiert. Leider war die Kirche so baufällig, daß auch sie einem barocken Neubau weichen mußte. Immerhin steht noch das karolingische Westwerk, oder besser: die Kaiserkirche, in der der Kaiser vom Abt empfangen wurde (Untergeschoß), der Messe beiwohnte (Mittelgeschoß) und zu Gericht saß (Obergeschoß). 1200 Jahre alt - unglaublich!




















































Aber auch die zur Zeit lutherische Kirche St. Kiliani Höxter (zu dem Corvey kommunal gehört) ist einen Blick wert.






















Einige Klöster der Gegend haben sich der Reformation angeschlossen und dennoch als Kloster überlebt - in verschiedenen Formen:


Am ehemaligen Zisterzienserkloster Amelungsborn ist eine Gemeinschaft unter einem Abt ansässig, die sich dort regelmäßig zum Beten trifft, aber nicht monastisch lebt.
























Bemerkenswerter ist da das Stift Fischbeck, das bis heute ein freiweltliches Damenstift unter einer Äbtissin ist. Eine wunderbare romansische Anlage.































Der Reichsadler des wilhelminischen Reiches an der Holzdecke - so sind die Protestanten eben:










Auf dem Rückweg bin ich über Schloß Bückeburg gefahren, Sitz des Fürsten zu Schaumburg-Lippe, also so richtig spaßfrei reformiert, was man der Schloßanlage aber nur bedingt anmerkt.