Samstag, 14. März 2015

Ist Marienverehrung vernünftig?

von Ulrich Terlinden 


„Das verleihe uns Christus durch die Fürbitte und den Willen seiner lieben Mutter Maria. Amen.“ Mit diesen Worten beendet Martin Luther seinen Magnifikat-Kommentar, in dem er freilich sagt, daß wahre Marienverehrung in der Muttergottes zwar ein Vorbild, nicht aber eine Fürsprecherin sehe. Daher ist der zitierte Schlußsatz bemerkenswert. 

In der Tat besteht eine Schwierigkeit darin, Maria und die Heiligen als Fürsprecher anzusehen und anzurufen. Warum soll man dies tun? Darf man das überhaupt? Unterstellt man damit nicht, daß Gott die Fürsprache eines Heiligen mehr erhöre als das Gebet eines „normalen“ Menschen? Macht man Gott damit nicht zu einem willkürlichen, vielleicht launischen Tyrannen, der für die Schwäche der meisten Menschen kein Verständnis hat und daher den „Hochleistungschristen“, den Heiligen, eher zuzuhören geneigt ist, zu dem man daher besser über gute Beziehungen einem „Patron“ einen Zugang findet? Impliziert das Gebet zu Maria und den Heiligen nicht, daß man als Durchschnittsgläubiger Gott nicht (ver-)trauen kann oder nicht so einfach zu ihm durchdringt? Widerspricht das Gebet um die Fürbitte eines Heiligen nicht dem christlichen Glauben, der auf die Selbstoffenbarung Gottes als einem guten Vater fußt? Kurz: Ist die Bitte um die Fürsprache Mariens und der Heiligen nicht eine Gotteslästerung – oder eine Folge der Angst vor Gott? 

Nicht wenige katholische Gebete enden mit Formulierungen wie „Das verleihe uns auf die Fürsprache der seligen Jungfrau Maria...“ Auch für Luther scheint das eine gewohnte Formulierung gewesen zu sein. (s. o.) Wie ist das zu verstehen? Gott möge uns das Erbetene nur dann gewähren, wenn die Jungfrau für uns eintritt? Oder wird hier Gott gar um die Fürsprache Mariens gebeten? 

Viele moderne Katholiken, mehr noch Lutheraner, erst recht reformierte Christen und aufgeklärte Außenstehende finden keinen Zugang zur Marienverehrung und wollen ihn auch nicht finden – aus genannten Gründen. Hier soll dargelegt werden, warum Marienverehrung vernünftig ist und worin ihr Gewinn besteht. Warum also verehren katholische und orthodoxe Christen Maria und warum bitten sie sie um Fürsprache und Hilfe? 


1. Weil es normal ist 

Daß Maria eine wichtige Rolle im Christentum einnimmt, entspringt wie von selbst dem Christusglauben: Wenn Gott Mensch geworden ist, wer ist dann seine Mutter? Es bedarf schon einer entschlossenen Selbstbeschränkung des Denkens, wenn man sich angesichts der Menschwerdung Gottes nicht für seine Gebärerin interessiert. Nicht zufällig wird Maria nach dem Bekenntnis zur Menschwerdung Gottes im Credo genannt. Und schon die Evangelisten Matthäus und – vor allem – Lukas erwähnen Maria. 

Aus diesem Interesse für die Mutter des Erlösers entsteht die Marienverehrung sozusagen als natürliche Folge des Glaubens an Christus als den Sohn Gottes. Schon im Neuen Testament sagt eine Frau zu Jesus: „Selig die Frau, deren Leib dich getragen und deren Brust dich genährt hat.“ (Lk 11, 27) Die Antwort Jesu („Selig sind vielmehr die, die das Wort Gottes hören und es befolgen“) verneint das nicht, sondern mahnt, nicht bei Maria stehen zu bleiben, wie sie es ja auch selbst sagt: „Was er euch sagt, das tut.“ (Joh 2, 5) 

Wenn Gott Mensch geworden ist, dann auch Mitglied einer Familie. Der „Stallgeruch“ Christi kam von Maria und Josef. Sie nannte er „Mama und Papa“ (natürlich aramäisch), fand bei ihnen Heimat, Freude und Trost; mit ihnen war er menschlich verbunden. Wer die Gottesmutter verehrt, bittet darum, Gast zu sein im Haus von Nazareth und an dieser Bindung teilzuhaben. Er hat in einem ganzheitlichen Sinn verstanden, was Jesus sagt: „Ich nenne euch nicht mehr Knechte sondern Freunde.“ (vgl. Joh 15, 15) Er hat begriffen, wirklich ein Kind Gottes zu sein. 

Und tatsächlich entspricht das ja auch dem Willen des Erlösers: In Johannes unter dem Kreuz, dem Jesus seine Mutter anvertraut mit dem Wort „Siehe deine Mutter“ (Joh 19, 27), sieht die Kirche von jeher sich selbst. Und da nach dem Dekalog Vater und Mutter zu ehren sind (Ex 20, 12), ist Marienverehrung eine logische und gebotene Konsequenz. 

Zugespitzt könnte man sagen: Ohne Marienfrömmigkeit ist der christliche Glaube unvollständig, weil wir in der Nähe und im Vertrauen zu ihr mit dem Sohn Gottes auf „Tuchfühlung“ gehen, wozu er ja gekommen ist. Sie zeigt, leitet und ermutigt uns, ein „familiäres“ Verhältnis zu Gott zu pflegen, was ja ein wesentliches Element des Christentums ist. 


2. Weil es funktioniert 

Die Opferkerzenständer vor den Marienbildern in den Kirchen sind meist gut bestückt. Die Menschen kommen zur Gottesmutter und vertrauen ihr ihre Sorgen an. Die Wallfahrtsorte verzeichnen im Vergleich zu den Sonntagsmessen in den Pfarreien stabilen, mancherorts sogar steigenden Zuspruch. Sogar nicht wenige Moslems verehren Maria. Das kann nur damit zu erklären sein, daß die Gebete zur Gottesmutter etwas „bringen“. 

„Gedenke, o gütigste Jungfrau Maria, daß es von Ewigkeit nicht erhört wurde, daß jemand, der zu dir seine Zuflucht nahm, deinen Beistand anrief, um deine Fürbitte flehte, von dir sei verlassen worden“, heißt es in dem dem heiligen Bernhard zugeschriebenen „Memorare“. Das Gebet zur Gottesmutter geht nicht ins Leere. Sie hilft wirklich. Natürlich erfüllt sie nicht jeden Wunsch, wie jede Mutter nicht jeden Wunsch ihres Kindes erfüllt, sondern nur den, der gut für das Kind ist. Doch wie das Kind auf Dauer die Liebe der Mutter auch dann oder sogar darin wahrnimmt, wenn sie nicht jeden Wunsch erfüllt, so erfahren die Beter, daß auf ein Gebet zur Gottesmutter Hilfe vom Himmel kommt. 

Auf unzähligen Votivtafeln steht „Maria hat geholfen.“ So ist es auch. Worin die konkrete Hilfe besteht, bleibt oft das Geheimnis des Beters. Es wäre gut, gelegentlich darüber zu sprechen – freilich dezent und nur bei passender Gelegenheit. 


3. Weil es schön ist 

Das Bedürfnis vieler Christen, zu einem Marienwallfahrtsort zu fahren oder auf andere Weise zur Gottesmutter Kontakt aufzunehmen, nicht zuletzt die vielen reiferen Menschen, deren Marienfrömmigkeit im Laufe des Lebens sogar noch gewachsen ist, zeigen, daß die Verehrung der Gottesmutter gut tut. Es ist schön, auf Maria zu schauen. Sie ist ein schöner Mensch: „Tota pulchra es Maria“ – „Ganz schön bist du, Maria“ heißt es in einem Gebet aus dem vierten Jahrhundert, das in der Liturgie des Hochfestes der Unbefleckten Empfängnis verwendet wird. 

Wer wäre das nicht auch gerne – ganz schön? Maria ist ganz schön, weil sie von Gott erwählt und von jeder (häßlich machenden) Sünde bewahrt wurde. Sie ist uns darin „Vorbild“: So wollen wir sein. Und wenn es bei ihr, einem Menschen, (auf einzigartige Weise) ging, dann gilt das als Verheißung für alle Menschen. Wenn wir auf sie schauen, ist das Ausdruck der Hoffnung, daß Gott auch uns ganz schön machen wird. 

Viele Messen an Marienfesten und die meisten der klassischen Votivmessen zu Ehren der Gottesmutter beginnen mit dem Introitus „Salve Sancta Parens“ („Sei gegrüßt, Heilige Gebärende“), einem Text des Caelius Sedulius († um 450). Anders als die meisten Choralgesänge der Liturgie ist der Text nicht biblisch, wie auch viele weitere Gesänge der genannten Marienmessen. Er geht über die jüdisch-christliche Bilder- und Gedankenwelt hinaus und erinnert an die in vorchristlicher Zeit in Chartres verehrte virgo paritura, „die Jungfrau, die gebären soll“: Maria ist das Bild für die Sehnsucht der Völker, für den neuen Anfang, der vom Himmel kommt, aber aus einer Frau geboren wird. 

Diese Sehnsucht und die Freude an der hohen, schönen Frau haben ihren Ausdruck gefunden in der Kunst, die der Gottesmutter geweiht ist: Man denke an das Salve Regina im ersten, dorischen Ton, man denke an das altenglische ritterliche Lied „Edi beo thu, hevene quene“, an das herb-schöne „O Maria, sei gegrüßt“ (GL 523), an die unzähligen lieblichen Marienlieder seit der Barockzeit, an das Lied „Wunderschön prächtige“, bei dem an der Stelle „Gut, Blut und Leben will ich dir geben“ das Herz überfließt. 

Man denke aber auch an Marienfiguren, Marienleuchter usw., an die vielen gotischen Kathedralen, die oft „Notre-Dame“ geweiht sind, und nicht zuletzt an die Wallfahrtkirchen der Muttergottes. Hier haben Menschen aus Liebe zu Maria alle ihrer Kunstfertigkeit, Liebe und auch viel Geld aufgebracht. Man denke sich diese vielen schönen Zeugnisse der Marienverehrung aus unserer Welt fort – und sieht, was dann fehlen würde. 

An den Wallfahrtsorten schließlich wird in besonderer Weise jene Familie sicht- und erlebbar, die Christus am Kreuz gestiftet hat. Hier kommen Menschen aus vielen Orten und Nationen zusammen und erleben sich geeint durch den Glauben. Hier wächst der Friede, den die Welt nicht geben kann. (vgl. Joh 14, 27) 


4. Weil es mit dem Himmel ernst macht 

Die Frage, ob es denn nötig und ob es erlaubt sei, Maria um Fürsprache zu bitten, ist, wie aus dem bisher Gesagten folgt, falsch gestellt. Es geht nicht um die ängstliche Frage nach dem dogmatisch Erlaubten. Ein Glaube, der nur beim Richtigen und Notwenigen bleibt, hat noch keine Liebe. Es geht vielmehr um den lebendigen Vollzug des Glaubens an die Erlösung durch Christus, es geht um das verheißene Leben in Fülle. (vgl. Joh 10, 10) Wenn der Christ sich als Kind Gottes verstehen darf, dann ist er Mitglied der himmlischen Familie. 

Sicher ist Gott der Einzige, Allmächtige – daran haben Maria und die Heiligen nie einen Zweifel gelassen. Ihre Verehrung und das Gebet zu ihnen sind nicht „nötig“, und es wäre geradezu ein Irrglaube anzunehmen, daß Gott unser Gebet nicht auch direkt erhören wolle. Aber er ist im Himmel nicht allein: „Ihr seid vielmehr zum Berg Zion hingetreten, zur Stadt des lebendigen Gottes, dem himmlischen Jerusalem, zu Tausenden von Engeln, zu einer festlichen Versammlung und zur Gemeinschaft der Erstgeborenen, die im Himmel verzeichnet sind; zu Gott, dem Richter aller, zu den Geistern der schon vollendeten Gerechten, zum Mittler eines neuen Bundes, Jesus, und zum Blut der Besprengung, das mächtiger ruft als das Blut Abels.“ (Hebr 12, 22-24) 

Es wäre merkwürdig, in dieser göttlichen Gemeinschaft nicht nach links und rechts zu schauen, auf die Menschen, die mit mir erlöst, die mir lieb oder die in Not sind. Im Gegenteil verweist der Erlöser uns ja auf die geringsten seiner Brüder und Schwestern (vgl. Mt 25, 40.45), auf unsere Mitmenschen. Und er lehrt zu beten: „Vater unser“, nicht „Vater mein“ – die Gemeinschaft untereinander ist ein Wesensmerkmal des Christentums und entspricht ja auch der menschlichen Natur. 

Wir sorgen füreinander, leiden und freuen uns mit Menschen, die wir lieben. Gläubige Menschen beten füreinander. Dieses fürbittende Gebet entspricht der menschlichen Solidarität, der Nächstenliebe. Die entscheidende Frage ist nicht, ob mein Gebet für den anderen „etwas bringt“, sondern ob es mir und meinem Verhältnis zum anderen entspricht: Der andere ist mir wichtig, sein Schicksal geht mich an, darum bete ich als lebendiger und liebender Mensch für ihn. Das Gebet für den anderen ist Ausdruck des Menschseins, der Beziehung, der Liebe – und zwar vor Gott, meinem und unserem Schöpfer. 

Einen anderen um Fürsprache zu bitten bedeutet dementsprechend, sich ihm in meiner Not anzuvertrauen, ihm zu vertrauen, darauf zu hoffen und zu bauen, daß er sich für mich einsetzen wird, weil ich ihm wichtig bin, weil er mich liebt – weil er Mensch ist und ich für ihn ein Nächster. 

Beides, das Gebet für die anderen und die Bitte, für mich zu beten, wird von der Kirche ganz selbstverständlich auch auf die angewandt, die uns durch den Tod vorausgegangen sind: Wir beten für die Toten und bitten die Heiligen um Fürsprache. Das ist kein Akt des Mißtrauens gegenüber Gott, sondern natürlicher Vollzug der Gemeinschaft von Lebenden und Toten oder, um es mit einem klassischen Begriff zu sagen, der Einheit der triumphierenden, der streitenden und der leidenden Kirche. 

Wagen wir schließlich, das mit den Augen Gottes zu sehen. Menschlich gefragt: Was geht in ihm vor, wenn wir füreinander beten, wenn wir die Heiligen anrufen? Menschlich geantwortet: Er freut sich. Natürlich ist das anthropomorph gedacht, aber wir dürfen das, so wie wir „Vater“ zu ihm sagen dürfen und wie wir ihn im Gleichnis des verlorenen Sohnes als den barmherzigen Vater erkennen, der sich freut, wenn die Familie wieder zusammen ist. 

In dieser Familie ist Maria durch Gottes Gnade die Mutter. Wer wollte sie nicht lieben und ehren und ihr vertrauen? 

Der Verfasser ist Priester des Bistums Münster und Pastor (vicarius cooperator) an St. Marien Kevelaer