Montag, 15. August 2016

St. Maximilian Ruhrort - Frucht und Opfer der Industrialisierung

Als die Bewohner des Homberger Werths 1371 eines morgens aufwachten, befanden sie sich auf der anderen Rheinseite. Allerdings dürften sie in dieser Nacht kaum geschlafen haben, denn das Hochwasser des Rheins forderte ihre ganze Aufmerksamkeit und Kraft.

Der Ort wurde schon zu "linksrheinischen" Zeiten "Ruhr-oort" genannt, d. h. Ruhrspitze (=Mündung). Nun lag das Dorf tatsächlich an der Ruhr, nicht mehr gegenüber.

Diese Lage am Tor zum späteren Ruhrgebiet führte zur Gründung des Hafens, der der größte Binnenhafen der Welt werden sollte.

Nachteil der neuen Lage war, daß man nun mit dem Boot zur Kirche in Halen mußte, zu dem Ruhrort pfarrlich gehörte. Das führte zu vielen Un- und  Todesfällen. Erst am 13. Juli 1489 wurde Ruhrort von Halen abgepfarrt. Die kleine neue Pfarrkirche wurde dem heiligen Jakobus d. Ä. - dem von Santiago di Compostela - geweiht. 1551 trat die Pfarrei geschlossen zur Reformation über.

Die Entdeckung der Kohle, die Entwicklung der Industrie und des Hafens führten zu einem rasanten Aufstieg der Stadt. Bis in die 1930er Jahre lebten hier mehr Millionäre als in Berlin. Die damals mehrtägigen Liegezeiten der Schiffe für das Löschen und Beladen führte zu längeren Aufenthalten von Kapitänen und Besatzung - mit den entsprechenden Folgen für das Gastgewerbe in vielen "Geschmacksrichtungen"... Das beschauliche Städtchen bekam eine gründerzeitliche Neustadt (die Altstadt wurde nach dem Zweiten Weltkrieg dem Verfall preisgegeben und in den 1980ern in frühpostmodernem Stil scheußlich bebaut) und darin zwei neue Kirchen im klassizistischen Stil: 

- Die evangelische, die in der Tradition der alten St. Jakobus-Pfarrei stand, zugleich Schifferkirche für die protestantischen Fahrenden und zudem Sitz der "Nederlandse kerk aan de Ruhr" war. Die Kirche ist inzwischen, bis auf den Turm, abgerissen, die Gemeinde mit Beeck fusioniert.

- Für die katholischen Zuwanderer Schiffer wurde eine Pfarrei gegründet (sie gehört inzwischen zu St. Michael Meiderich) und 1845-47 von Architekt Johann Freyse aus Krefeld eine dem heiligen Maximilian von Celeia († 284) geweihte Kirche gebaut, die sehr schnell zu klein wurde. Architekt Heinrich Wiethase (Köln) plante eine neugotische Hallenkirche, deren Chor und Querhaus unter Beibehaltung des klassizistischen Schiffs 1867-71 errichtet wurden - dann war (kriegsbedingt?) das Geld alle.

Die Industrialisierung ging weiter: Neue Ladetechnik verkürzte die Liegezeit der Schiffe, die Landgänge der Besatzung entfielen, Gastgewerbe und Geschäftswelt wurden weitgehend ruiniert, Telephon und Internet machten die Schifferbörse überflüssig. Die Abwanderung der Bevölkerung aus dem Ruhrgebiet tut bis heute ein Übriges, so daß die einst stolze Schifferstadt um das Überleben kämpft. Die Stadt Duisburg bemüht sich, Haniel spendet und investiert wie eh und je. Doch die Welt dreht sich weiter und der Kampf ist hart. Viele Kirchen im Ruhrgebiet stehen aus personellen und finanziellen Gründen vor der Schließung, etliche sind schon geschlossen und abgerissen. Musiker- und Küsterdienste finden oft im Ehrenamt statt.

Außen - der östliche klassizistische Teil an der Fabrikstraße:






Hinten der Turm von "Neu-St.-Jakobus", der inzwischen abgerissen protestantischen Kirche:




Links die klassizistische Kirchenwand, hinten der angesetzte neugotische Teil.





Eine Tür der klassizistischen Kirche ist in den neugotischen Teil übernommen worden:



Das Maximilianhaus (Pfarrheim):




Die herrliche "nachromantische" Seifertorgel aus den 1950er Jahren:



Übergang vom neugotischen zum klassizistischen Teil:







Sakristeitür mit gotischer Salvatorfigur:





In der Nachkriegszeit schaffte die Pfarrei künstlerisch hochwertige Fenster an. Die Fenster mit figürlicher Darstellung stammen im im neugotischen Teil von Heinrich Dieckmann (1953), im klassizistischen von Sr. Ehrentrud Trost OSB (1957).




Neugotischer Hochaltar





Die Hochchorfenster von Heinrich Dieckmann verbinden die Auferstehung Christi und das Jüngste Gericht: in der Mitte Christus als Auferstandener, in den beiden Seitenfenstern sind nach Art einer Deesis die Gottesmutter und der Pfarrpatron St. Maximilian, die Christus für die Verstorbenen bitten.











1 Kommentar:

Thomas Baumann hat gesagt…

"Musiker- und Küsterdienste findet oft im Ehrenamt statt." Wollen Hochwürden diesen Satz bitte meditieren. Ich meine: Der Kirche im Revier fehlt einiges, z.B. Glauben oder auch - rein demographisch - Menschen, aber an Geld fehlt es doch wohl nicht.

By the way, bin gar nicht weit von der Kirche am Samstag zugange: http://tagdertrinkhalle.blogspot.de/