Samstag, 11. Mai 2013

Gotik macht glücklich


Es war mal wieder dringend Zeit für ein gotisches Vollbad. Seit meiner Studentenzeit bin ich alle paar Jahre nach Frankreich gefahren, um die Kathedralen zu sehen. Chartres, meine liebste, durfte nie fehlen, oft habe ich hier Quartier genommen. Eine ganze Exerzitienwoche mit meinem Weihekurs war umwerfend gut. Nun denn: Im Kalender tat sich eine Woche auf, in der es mal wieder möglich war, und ich fuhr nach Frankreich - doch zu einem neuen Ziel.

In Frankreich Auto zu fahren macht übrigens großen Spaß: Die schnurgeraden Straßen, die König Ludwig XV. hat bauen lassen, gehen ohne Rücksicht auf Berge und Täler über beachtliche Steigungen und Gefälle. Der Franzose liebt seinen Vater Staat, und so liebt dieser auch ihn: Radarfallen werden grundsätzlich durch Schilder angekündigt und sind durch gelb-schwarze Markierungen deutlich zu sehen. Das nenn ich sportlich!

Im Radio hörte ich – auch um mein Französisch zu schulen – Radio Notre Dame, den Sender des Erzbistums Paris. Er scheint landesweit über Antenne empfangbar zu sein. Ich habe zwar nicht alles verstanden, aber es fiel auf, daß es meist um theologische Themen ging, über die man sich mit Experten unterhalten hat: Was bedeutet Christi Himmelfahrt? Was sind die Unterschiede zwischen den Konfessionen? Was für eine Philosophie hat der Isalm hervorgebracht? Erfrischend! Und jeden Tag ein Wort eines französischen Bischofs. Auch scheint der Sender mit den Protestanten eine Vereinbarung zu haben: Jeden Tag gibt es eine Stunde (?) „Radio Protestante“. Und die französischen Nachrichten von Radio Vatikan werden übernommen. So macht man das!

Quartier bezog ich dieses mal nicht in Chartres, sondern in Laon (in einem angenehm klüngeligen Hotel mit französischem Frühstück...). Die Kathedrale hatte ich schon zweimal gesehen, aber einmal hier zu wohnen und richtig Zeit für diesen frühgotischen Dom zu haben, das reizte mich. Der Dom ist ein Bau aus Licht und Geist, bemerkenswert einheitlich für eine so alte Kirche. Natürlich waren Wände und alle Fenster ursprünglich farbig, aber auch im heutigen Zustand gefällt sie mir sehr.







Die berühmten Ochsen in den Türmen:




Man kann Vierungstürmen eine gewisse Wirkung nicht absprechen - bei künftigen Kirchenneu- und umbauten sollte man das bedenken (das "hebt"!): 







Nachdem ich mich einen Tag diesem wunderbaren Gotteshaus gewidmet hatte, fuhr ich am zweiten Tag nach Reims. Dort war der hl. Remigus Bischof, der den Frankenkönig Chlodwig getauft und so in gewisser Weise an der Wiege des christlichen Abendlandes gestanden hat. Es war ein dunkler und regnerischer Tag, daher sind die Bilder sehr mystisch... Also dann, hier die KATHEDRALE VON REIMS:

Apostel im Dialogprozeß am Nordturm:




Und auch die Engel quatschen:






Die berühmte Verkündigungsszene (Maria und Erzengel Gabriel) - mit dem ersten Lächeln seit dem Ende der Antike (nun ja, eher noch ein Grinsen, aber ein Anfang ist gemacht). Man beachte die verblaßte Farbe:










Remigius hat auch die Diözese Laon gegründet und liegt in der ehemaligen ABTEIKIRCHE (heute Basilika) IN REIMS begraben:



Die Taufszene:










Die Leuchterkrone mit 96 Kerzen - für jedes Lebensjahr des heiligen Remigius eine:



Das Grab des heiligen Remigius...



... im Hochchor (unten im Bild das Ostende des Grabes):




Von hier aus habe ich an Christi Himmelfahrt eine Tour zu vier Kathedralen in der „Nähe“ gemacht. Zuerst ging es nach Soissons.

Sowohl dort als auch am Vorabend in Laon (in einer Guitarren-Schrummelmusik-Messe) erlebte bemerkenswerte Liturgiefeiern: Wie außerhalb Deutschlands üblich, kamen natürlich alle Lesungen, Antwortpsalm und Halleluja zu ihrem Recht. In beiden Messen (auch in der am Vorabend, obwohl deren Hauptzelebrant im gefährlichen Alter zwischen 60 und 70 war) gab es Schuldbekenntnis (Form A) und Kyrie. Der jünger Priester, der in Soissons die Messe feierte, trug ein ganz schönes Meßgewand (der Franzose ist die Mutter der Sackalbenfanatiker, muß man wissen), die Messe war mit Weihrauch, und ich staunte nicht schlecht, als er nach der Wandlung Daumen und Zeigefinger geschlossen hielt. Hat er etwa hier nachgelesen? ;-) Dazu kam, daß die mitfeiernden Gläubigen einen erfreulichen Altersdurchschnitt hatten - dazu einen auffallenden Anteil an Maximalpigmentierten. :-D  







In der Kathedrale von Soissons hängt übrigens ein Rubens:



Dann fuhr ich weiter nach Meaux ...





... nach Senlis ...





Ein Löwe in der Chorscheitelkapelle (Der Dienst frei vor der Wand, der Löwe drumherumgewunden - das ist gekonnt):




... und schließlich nach Noyon






Am letzten Tag durften St-Denis (St. Dionysius, Königsgrablege und –abtei) und Paris nicht fehlen:

St. Denis (hier wurde die Gotik erfunden):

Abt Suger hat sich ganz bescheiden im Hauptportal verewigen lassen:


Der erste Versuch des neuen französischen Königstils im Westwerk 1138 war dann doch subobtimal ("Sieht ja aus wie immer, quasi romanisch - bäh!"):



Dann aber hats 1140 geklappt: Gott ist Licht! ("Dä!")






Und auch die spätere Vollendung des Langhauses kann sich sehen lassen:


Wie gesagt: Die ehemalige Abteikirche (jetzt Kathedrale) ist Grablege der fränkisch-französischen Könige seit Dagobert:



König im ewigen Licht:




Nun ja, auch Paris durfte nicht fehlen. Die Stadt ist schon klasse, wenn nur die vielen Touristen nicht wären... 


Und die Kathedrale NOTRE DAME ist zwar eine schöne und beeindruckende Kirche, aber die vielen Besucher verderben einem das Vergnügen.



Adam an der Westfassade, wie deutlich zu erkennen, nach dem Sündenfall:










Ludwig IX., der Heilige, hat für die Dornenkrone Christi, die er dem byzantinischen Kaiser abgekauft und barfuß in die Kathedrale getragen hat, dann diese Kapelle in seinem Palast errichten lassen: Paris, Sainte-Chapelle







Auf dem Hinweg bin ich über ANTWERPEN gefahren, eine der wenigen katholischen Hansestädte mit einer siebenschiffigen (!) Kathedrale, die eine bewegte Geschichte hat. Einige Eindrücke:








Hier hat Peter Paul Rubens zwei Altäre mit Retabeln ausgestattet, die, liebt man den Barock, alleine die Reise lohnen:

die Kreuzaufrichtung im Nordquerhaus:


und die Kreuzabnahme im Südquerhaus:


Auf dem Rückweg habe ich die St- Leonardus-Kirche im belgischen ZOUTLEEUW besucht. Hier ist man offenbar jahrhundertelang nach dem Pauluswort vorgegangen: "Prüfet alles, das Gute behaltet!" Meine Güte, das ist mal ein Bildersturm der ganz andern Art! Der Ort hat heute gut 8000 Einwohner, aber eine Kirche, das ist einfach nur FETT!! Seht selbst:

Sakristei:


Rathaus:



Taufbecken:



Weihwasserbecken:



Strahlenkranzmadonna:




Triumphkreuz:






Osterleuchter (!):





Sakramentshaus (!!!):






Hochaltar (!!!):






Seitenkapellen:




Hier gehts zur Tour de France.

Und hier nach Chartres.





Kommentare:

Stanislaus hat gesagt…

Dann sind wir uns ja fast über den Weg gelaufen.

ad tiliam hat gesagt…

Danke für die Korrektur!

Altenbochumer hat gesagt…

Hm. Das reicht von schön bis fantastisch. Ein Wellnessurlaub!