Dienstag, 1. Mai 2018

Geschlechtergerechte Sprache - Brief an den Deutschlandfunk

Sehr geehrte Damen und Herren,

in der Sendung „Informationen am Morgen“ vom 30. April dieses Jahres wurde unter den Wirtschaftsmeldungen von „Aktionärinnen und Aktionären“, „Anlegerinnen und Anlegern“ gesprochen. Vor einiger Zeit haben Sie sogar gemeldet (ich weiß nicht mehr, in welcher Sendung), daß unter den „fünfzig gefragtesten Künstlerinnen und Künstlern“ nur Männer seien. Solche Formulierungen sind in letzter Zeit in Ihren Nachrichtenmagazinen immer öfter zu hören und dürften der Sorge um eine geschlechtergerechte Sprache geschuldet sein. Dies ist natürlich ein ehren- und unterstützenswertes Ansinnen. Erlauben Sie mir bitte trotzdem einige Beobachtungen zu dieser Sprachpraxis, die ja offenkundig ein Kampf gegen das generische Maskulinum ist.
1.) In der Umgangssprache außerhalb von Politik und Medien sind solche „X und X-innen“-Formulierungen so gut wie gar nicht zu beobachten. Das generische Maskulin erfreut sich hoher Beliebtheit und wird durchgehend gebraucht. Dies zeigte sich schon in der oben genannten Sendung in dem ab 8.20 Uhr gesendeten Interview mit Jossi Batal, der von „Nachbarn“, „Juden“, „Muslimen“, „Palästinensern“ und „Partnerschaft“ sprach. Meine 12jährige aufgeweckte und selbstbewußte Nichte sagte letztens: „Wenn ich ein Verbrecher wäre...“, was zumindest in meinem Umfeld – nicht dem Inhalt, wohl aber der Form nach – eine völlig normale Formulierung ist. Auch geht man hier zum „Metzger“ oder zum „Friseur“, selbst wenn man damit rechnet, dort von Damen bedient zu werden.
2.) Die „X und X-innen“-Form wird auch bei Ihnen nicht konsequent durchgehalten. Jedenfalls  habe ich nie z. B. von „Schergen und Scherginnen des X-Regimes“ o. ä. gehört. Wollte man die Form konsequent verwenden, käme man ja auch an die Grenze des Verstehbaren, müßte es dann doch z. B. „Partner- und Partnerinnenschaft“ oder „Bürger- und Bürgerinnen- Meister- und Meisterin(nen?)- Kandidaten und -Kandidatinnen“ heißen. Biblisch gesagt: „Wenn ein Blinder oder eine Blinde einen Blinden oder eine Blinde führt, werden beide in eine Grube fallen – oder alle drei oder alle vier.“ (vgl. Mt 15, 14)
3.) Die „X und X-innen“-Form ist also, ungeachtet der an sich guten Absicht, etwas der deutschen Sprache in ihrer Hoch- und Umgangsform Fremdes und fremd Gebliebenes, obwohl sie in Politik und Medien seit Jahrzehnten verwendet wird. Deren Vertreter (auch Mitarbeiter des Deutschlandfunks) praktizieren sie dennoch und nehmen dabei sogar Einbußen in der Verständlichkeit in kauf, wird die Aufmerksamkeit des Hörers doch durch die unübliche Formulierung gebunden und vom Inhalt der Nachricht abgelenkt. Es stellt sich die Frage, warum viele Politiker und Journalisten anders sprechen als das übrige Volk. Entweder gibt es unter ihnen, wie in anderen soziologischen Gebilden, eine Binnensprache, die außerhalb des Kreises als merkwürdig, innerhalb desselben aber als normal empfunden wird. Sie als Medienschaffende kommunizieren aber durch Ihre Sendungen ständig mit dem „Außerhalb“, was einen steten sprachlichen Abgleich mit diesem erfordert, wie ich meine. Oder die „X und X-innen“-Formulierungen werden bewußt gegen die allgemein geübte Sprachpraxis der Bevölkerung eingesetzt, was ein Versuch der Einflußnahme oder gar Erziehung wäre, die Ihnen als öffentlich-rechtlicher und durch gesetzliche Gebühren finanzierter Anstalt nicht zukommt und ich Ihnen daher auch nicht unterstellen möchte.
Mehrere Lösungen wurden vorgeschlagen: Die Universität Leipzig ist 2013 unter allgemeinem Gelächter zu durchgehend weiblichen Titeln übergegangen. Prof. Lann (Antje) Hornscheidt schlägt die Endung „-x“ vor, um geschlechtsneutral zu bleiben – eine zumindest im gesprochenen Vollzug eher unpraktische Lösung.
Wäre es vielleicht sinnvoll, statt der „X und X-innen“-Form, die ja das dem Sinne nach geschlechtsneutrale generische Maskulinum auslöscht, die bisherige maskuline Form („Metzger“) im grammatischen Neutrum zu gebrauchen und als geschlechtsübergreifend zu verstehen? Dann könnte man zur sexuellen Spezifizierung die Endungen „-in“ für weibliche und „-(er)ich“ für männliche Exemplare verwenden. So wäre auch der Mißstand beseitigt, daß die weibliche Form von der männlichen abgeleitet wird, also sprachlich keinen Selbstand besitzt. Also: „Metzgerin“ für ein weibliches, „Metzgerich“ für ein männliches „Metzger“.
Es würde mich freuen, wenn Sie diese Überlegungen in Ihren Redaktionen erwägen würden.


Freundlich grüßt Sie Ihr treuer Hörer

Die Antwort des DLF vom 18. 5. 2018:



(Die Redensart "Keine Antwort ist auch eine Antwort" gilt auch umgekehrt.)


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