Die Gründung der Kirche in Selent geht wahrscheinlich auf Bischof Vicelin (um 1085-1154) zurück. Der Name des Ortes ist slawisch (Wagrier). Das Patronzinium der Kirche weist auf Siedler aus dem Raum Maastricht hin, wo der hl. Bischof Servatius beigesetzt ist und bis heute verehrt wird. Selent dürfte ein christlicher Missionsstützpunkt unter Bischof Gerold gewesen sein.
Die Gründungsgeschichte der Kirche ist mit der des benachbarten Lütjenburg verwandt. (Hier Informationen aus dem ausliegenden Kirchenführer von Gerd Stolz; weitere Informationen hier. Bert Hinrich Weisner aus Selent hat wertvolle Ergänzungen geliefert.)
Helmut und Marianne Behrens haben eine Stiftung zum Unterhalt des Kirchengebäudes eingerichtet.
Die Kirche ist die älteste im nördlichen Wagrien und wurde 1197 urkundlich erstmalig erwähnt. Sie wurde im Kern ganz aus Feldsteinen und Granitblöcken erbaut und bestand aus zwei Jochen mit anschließendem Kastenchor. Im frühen 13. Jahrhundert wurde ein neuer, zweijochiger Chor errichtet und die Kirche gotisch eingewölbt.
Der neue Chor hatte wenigstens an der Südwand zwei Rundfester (vgl. Kirchnüchel), vermutlich auch an der Nordwand. Links im folgenden Bild eines der beiden südlichen Rundfenster im Chor (beide in lutherischer Zeit zugunsten eines Hochgestühls der Grafen Blome zugemauert).
Die protestantische Reformation breitete sich in Schleswig-Holstein „dank der liberal-toleranten Politik Friedrichs I. von Dänemark“ rasch aus, „ohne daß dabei jedoch die bestehende, erstarrte katholische Ordnung im Grundsatz angetastet wurde“, wie es im ausliegenden Kirchenführer heißt. So ist der spätmittelalterliche Zustand der Kirche im wesentlichen erhalten geblieben.
Spätere Umbauten haben das Gepräge des Raumes nachhaltig verändert: Gegenüber der 1346 errichteten "Rastorfer" Sankt-Annen-Kapelle im Norden (Vikarie für einen Ritter Heinrich Split; später Gruft der gräflichen Familie Rantzau) wurde 1477 die Wittenberger Kapelle (der gräflichen Familie Reventlow, mit Gruft) angebaut, so daß eine „Vierung“ entstand.
1737-1738 fand auf Initiative der Patronin Margarethe Hedwig von Ahlefeldt (aus dem Hause Rantzau) eine große Reparatur der gesamten Kirche statt. Dabei wurde die Nordseite des Chors abgetragen und mit Backsteinen neu aufgeführt. Falls es dort Rundfenster gab, sind sie damals verschwunden.
1739 ist die Ostwand des Chors von Grund auf in Backstein neu errichtet worden und dabei das Ostfenster nicht erneuert worden.
1868 wurde die Kirche neugotisch renoviert und mit großen Fenstern versehen.
Der "archaische" Zugang durch den Turm ist neugotisch. Es riecht nach altem Holz, und über einem gemahnt das Ticken der Turmuhr an die vergehende Zeit. Man höre:
Die Farbgebung der Gewölbe wurde 1975 rekonstruiert.
Über dem Altar, der noch aus katholischer Zeit stammt und gültig geweiht ist...
... erhebt sich ein ebenfalls noch "katholisches" gotisches Retabel aus dem 15. Jh.. Es wurde "lutherisch" vermutlich 1680 um zwei weitere Flügel erweitert (s. u.).
Bei seiner Höllenfahrt am Karsamstag befreit Christus die Seelen der Vorväter (m/w/d, vgl. 1Petr 3,19). Ein Teufelchen ärgert sich hilflos.
Himmelfahrt Christi, der auf dem Ölberg "Eindruck" hinterläßt:
Eines der neugotischen Chorfenster, die für die "neuzeitliche" Beleuchtung sorgen.
Der alte romanische Taufstein - danach durch ein Holzgestell mit einer Zinnkanne und 1898 durch einen neugotischen ersetzt - ist, nachdem er zwischenzeitlich als Hühnertränke verwendet wurde, 1948 auf drei neuen Granitfüßen wieder in Dienst genommen worden.
Die "Anbetung der Hirten", ein Gemälde von Pieter Aertsen aus dem Jahr 1566:
Wangen eines alten Adelgestühls wurden in die moderne Bestuhlung übernommen.
Die Wittenberger Kapelle mit neugotischem Taufstein:
Im Bogen zur Rastorfer Kapelle befindet sich eine Triumphkreuzgruppe von 1500, die vermutlich einst im Chorbogen stand.
Barocker Ziegelboden:
In der Kirche liegt die Festschrift von Volker Scheibe, Glockensachverständiger der Nordkirche, zum 25. Jubiläum der St.-Servatius-Kantorei aus. Sie bietet u. a. Informationen über den Kirchenpatron und den Arianismusstreit, in dem Servatius den katholischen Glauben verteidigt hat.
Die große Selenter Glocke - im Bild rechts - ist 1633 von Franz/Francois Raclé aus Lothringen gegossen worden. Die andere ist im Zweiten Weltkrieg eingeschmolzen und 1958 ersetzt worden.
In der Festschrift findet sich der von Volker Scheibe komponierte "Selenter Glockenkanon" über die Weihesprüche der beiden Glocken der Kirche, den ich hier mit dessen Erlaubnis wiedergebe:
In der genannten Festschrift findet sich auch das von Barbara Cratzius verfaßte "Selenter Servatiuslied":
So hört, was wir Euch hier berichten,
so hört, was überliefert ist,
von Sankt Servatius die Geschichten,
dem Diener unsres Herren Christ.
Es heißt, ein Engel sei erschienen:
„So hör’ den Auftrag! Es ist Zeit!
Man braucht in Tongern dich als Bischof.
Es liegen Stab und ring bereit.“
Der Engel reicht den Bischofsmantel.
er trat zum Bischofsstuhl empor;
und er, der deutschen Sprach’ nicht mächtig,
ihm öffnete Gott Mund und Ohr.
Von Gott kam ihm die Kraft des Wortes.
Er hat viel’ Wunder dort vollbracht:
Er heilte Lahme, Kranke, Blinde
und spürte Gottes Lieb’ und Macht.
„Schließ auf das Herz von vielen Menschen!“
So lautete des Petrus Wort.
Er gab Servatius den Schlüssel:
„Führ’ hin zu Christus, unserm Hort!“
Auf seinem Grab, da wuchsen Blumen,
das war ein Blühen weit und breit.
Nicht Schnee bedeckte diese Erde
im Winter und zur Maienzeit.





























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