Freitag, 26. Juli 2019

St. Peter-Kapelle Übach-Palenberg


Nahe bei Aachen, in der Stadt Übach-Palenberg, liegt die Kapelle St. Peter, die der örtlichen Pfarrei den Namen gibt. Sie liegt näherhin im Ortsteil Palenberg und wird im Volksmund Karlskapelle genannt. Dieser Name weist auf Kaiser Karl den Großen, dessen Lieblingspfalz und Grab sich im nahen Aachen befindet. Bevor er sich ins Grab setzen ließ (er wollte post mortem gerne weiterthronen), hat er vermutlich auch in dieser Gegend der Jagd gefrönt und, so die Annahme der Historiker, hier eine Jagdkapelle errichtet. Genau genommen war er damals ja noch kein Römischer Kaiser, sondern "nur" König des Frankenreichs, denn die Kaiserkrönung fand an Weihnachten 800 statt, und da stand hier in Palenberg vielleicht schon eine erste Kapelle aus Holz, deren Reste ergraben worden sind. Laut städtischer Auskunftstafel befanden sich hier sogar seit dem 7. Jahrhundert ein Gräberfeld und eine Holzpfostenkapelle.

Steigt man, vom Rhein her kommend, in Übach-Palenberg aus dem Zug, empfängt den Besucher das, was er auf dem Weg schon "genießen" durfte: die typische Häßlichkeit nordwestdeutschen Städtebaus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Palenberg selbst scheint in seiner heutigen Gestalt im Wesentlichen erst nach dem Krieg entstanden zu sein. Der Ort ist aber viel älter, wurde 867 erstmals urkundlich erwähnt, und es wurden sogar spätrömische Gräber germanischer Söldner von 400-485 ergraben.


Die zugänglichen Informationen über die heutige St. Peters-Kapelle weichen voneinander ab: Die Denkmalbehörde datiert sie auf das 10. Jahrhundert mit Anbauten aus der frühen Neuzeit. Eine Auskunftstafel bei der Kapelle teilt mit, daß der Bau auf einen hölzernen Vorgänger aus dem 7. Jahrhundert (damit vorkarolingisch) und im Kern seiner heutigen Gestalt auf das 11. Jahrhundert zurückgehe. "Das Mauerwerk", so auf der Tafel zu lesen, "besteht aus den verschiedenen Baustoffen eines knappen Jahrtausends: Lesesteinen, Flußkieseln, Bruchsteinen, Zementverputz und neuzeitlichem Flickmörtel."

"Im 12. Jahrhundert", so der Text weiter, wurde das Kirchenschiff "durch ein südliches Seitenschiff erweitert. Auf Initiative des Kirchenmeisters Hermann von Mirbach (das sind Zusammenhänge! - d. Verf.) wurde in den Jahren 1650 bis 1653 die nördliche Vorhalle angebaut. Der heutige West- und Südgiebel wurde mit Ziegelsteinen gedeckt. In diesem Zuge wurde auch die Dachkonstruktion verändert (wie man im Inneren an den Balken im Westen sehen kann - d. Verf.). In den unsicheren Zeiten des 17. Jahrhunderts (u.a. Dreißigjähriger Krieg) (der war 1648 vorbei - d. Verf.) dienten diese Anbauten Wachmannschaften als Unterkunft und Ausblick über das freie Tal der Wurm."

Die Kapelle von Südwesten aus gesehen:


Von Süden:


Südseite des Chores mit Hagioskop (links) und Sakrarium (unten).




Grabsteine auf der Westseite der Kapelle:



Kommt man durch das Portal in den nördlichen Anbau, wird man von einem "gemütlichen" Herd empfangen. Hier haben sich die oben erwähnten Wachen im 17. Jahrhundert gewärmt. Aber auch heute noch scheint er in Betrieb zu sein.


Dieses Reiterstandbild stellt nicht den heiligen Martin dar, was in dieser Gegend ja durchaus erwartbar wäre, sondern den heiligen Kaiser Karl, Gründer der Kapelle.


Tauf- oder (wohl eher) Weihwasserbecken unbekannten Datums, aber erz-archaisch:


Blick vom nördlichen (Portal-) Anbau in den Westteil der Kapelle samt Südschiff:


Blick zum Altar. Die letzte Renovierung scheint noch nicht lange her zu sein. Auf dem nächsten Bild sieht man den vorigen Zustand, vor dessen 1960er-Archaik man (wohlig?) erschaudert. Man hatte den alten Barockaltar wohl noch auf dem Dachboden...




Frühromanische Inschrift am Chorbogen:


Südliche Chorwand (ist das Kapitell sogar noch römischen Ursprungs?):



Apsisbogen:

Blick nach Westen. Die Decke könnte man gerne mal "rekarolingisieren"...


Boden- (Grab-?) Platte im Westen:


Südwand, Arkaden zum Seitenschiff:




Sonntag, 21. Juli 2019

Götterwickerhamm St. Nikomedes


Da wo der Rotbach in den Rhein fließt, auf dem Gebiet der Stadt Voerde ("Förde"; von Furt), am nördlichen Rand des Ruhrgebiets, empfängt den Wanderer, der den Lauf des Rotbachs entlang durch den Wohnungswald gekommen ist, zunächst ein Kraftwerk. Auch schön, durchaus ruhrgebietsgemäß, aber dafür hatte er sich nicht auf den Weg gemacht.



Etwas nördlich öffnet sich der Blick auf den Rhein - hier flußaufwärts. Wetter- und Lichtverhältnisse sind für den hiesigen Hochsommer durchaus typisch...


Der Wanderer wollte nach Götterswickerhamm, einen Ortsteil von Voerde, bei Stromkilometer 800, gemessen von der Konstanzer Rheinbrücke, d.h. vom Bodenseeausfluß des Rheines.

Der Ortsname ist eine von manchen Putzigkeiten am Niederrhein; es gäbe z. B. auch Schenkenschanz und Düffelward zu bieten.

"Götterswickerhamm", erstmals 1003 erwähnt als "Goterswick", leitet sich wahrscheinlich von einem Ritter Godert ab, der hier Herr eines Wicks (vgl. nl. wijk) war - wohl eines größeren Hofes - und es mit Wall und Graben umgab. Das Wort Hamm bedeutet eine Flußschleife, die hier in Form eines inzwischen verlandeten Altrheinarmes gegeben ist. Vermutlich ist also die Flurbezeichnung des Gebietes zwischen Rhein und Altrheinarm (vgl. z. B. die "Bislicher Insel" gegenüber von Bislich und "Ruhrort", ehemals gegenüber der Ruhrmündung) sozusagen versehentlich zum Namen des eigentlich namensgebenden Ortes geworden, der so übrigens erst seit 1934 amtlich ist.

Der Stromkilometerstein 800:


Hier spricht man noch vom "Lippe-Seiten- (statt Wesel-Datteln-) Kanal" und schreibt, deutsch korrekt: "Rotterdamm":


Obzwar der Wanderer selbst aus der Gegend stammt, wundert er sich über den touristischen Charakter.


Sogar eine Rheinpromenade gibt es hier...


... und auch so etwas:



Die zur Zeit protestantische Kirche (St. Nikomedes) in Götterswickerhamm (Nebenpatrozinium nach Auskunft eines Ortskundigen: St. Maria Magdalena) spiegelt in mehrfacher Hinsicht die Religionsgeschichte am Niederrhein in den letzten 500 Jahren. Zur Zeit der Reformation gehörte sie zum Herzogtum Kleve. In den angrenzenden nördlichen Provinzen der Spanischen Niederlande tobte der 80-jährige Krieg. Die sich gegen die Spanier erhebenden Niederländer sammelten sich hinter dem militärisch erfolgreichen Wilhelm von Nassau unter der Fahne der Religionsfreiheit, was praktisch Calvinismus bedeutete. Herzog Johann III. von Kleve verordnete für sein Herzogtum religiöse Toleranz, befahl nur, daß die Geistlichen der Konfessionen sich doch bitte nicht gegenseitig die Augen auskratzen sollten, und blieb selbst katholisch - dä!

In den Städten gab es nun Kirchen mehrerer Konfessionen - katholisch, lutherisch, reformiert. In den Dörfern kam es "mangels Masse" zu "eindeutigen" Entscheidungen. 

Götterwickerhamm wurde 1594 lutherisch. 

Aber so einfach scheint es nicht zu sein:

Im Zuge der Toleranz der Klevischen Herzogs entschieden die adligen Ortsherren über die Konfession in ihrer Herrschaft. Der über Götterwickerhamm herrschende Edelherr Jürgen zu Syberg auf Haus Voerde, der zum Kreis um Martin Luther gehörte, stellte für sein Haus einen lutherischen Prediger ein. In Funktion des Oberkirchmeisters und als Patron der Kirche setzte er 1590 in Götterswickerhamm neben dem katholischen Pfarrer(?) einen lutherischen Prediger auf die Vikarie(?)stelle, nämlich den mehrfach vertriebenen Konrad Glinzing aus Württemberg. So gab es hier für eine gewissen Zeit zwei Konfessionen und deren Gottesdienste - und man konnte so praktischerweise bei Truppendurchzügen im Konfessionskrieg immer vorweisen, auf der richtigen Seite zu stehen. (Schon zuvor hatte man sicherheitshalber den heiligen Nikomedes aus dem Ortsiegel entfernt, um calvinistischen Furor anzuwehren.)

(Aus dem Kirchenführer wird nicht ganz klar, ob diese Vikarie- nicht eigentlich die Pfarrstelle und der katholische Priesters Jodocus Rost vor dem Streit Pfarrer oder Kaplan/Vikar war. Es scheint, daß der lutherische Prediger die Pfarrstelle innehatte und Rost Kaplan/Vikar war.)

Der katholische Priester Jodocus (Jobst) Rost war, nach Auskunft des Kirchenführers, wohl nicht gerade vorbildlich in seiner christlichen Lebensführung. Eine Konkubine zu haben, das war damals normal. Aber er hatte sich als Landwirt auch in einige Rechtsstreitigkeiten eingelassen, die seiner Beliebtheit nicht gerade zuträglich waren. Außerdem soll er unredliche Geldgeschäfte gemacht haben. Mag so etwas damals auch für Priester normal gewesen sein, erwies es sich jetzt eben als nachteilig. 

Nun starb der protestantische Prediger (Pfarrer?) Glinzing, und Jodocus Rost wollte dessen Stelle einnehmen, was zu Streitigkeiten im Kirchspiel und mit dem Edelherrn führte. 

Zu dieser Zeit (1609) war der letzte Herzog von Kleve, Johann Wilhelm  (Jan Wellem), kinderlos gestorben, so daß das Herzogtum an seine rechtlichen Erben, den reformierten Kurfürsten von Brandenburg und den katholischen Pfalzgrafen von Neuburg fiel, die das Herzogtum zunächst gemeinsam regierten, was im 80-/30jährigen Krieg natürlich zu Verwirrungen führte.

Jobst Rost wußte sich zunächst zwar zu behaupten, aber da er in seinen Streitigkeiten sogar handgreiflich wurde, sank seine Gunst beim Volk weiter. Er versuchte, "mit List und Intrigen die (...) Situation für sich zu nutzen" (Kirchenführer).

Durch den Widerstand der Gemeinde und durch die Unterstützung des Freiherrn Johann von Heyden - so ist im Kirchenführer zu lesen -, wurde am 1. April 1625 Melchior Kruse als lutherischer Pfarrer eingesetzt, und die Gemeinde trat nach und nach geschlossen zum Luthertum über.

Der Kaplan von St. Johannes Ev. Eppinghoven (heute zu Dinslaken) rettete das Allerheiligste aus der Kirche. Dafür erhielt die Eppinghovener Pfarrei das Pfarrerwahlrecht, das m. W. Anfang des 20. Jh. eingeschränkt (Dreierliste des Bischofs) und Anfang des 21. Jh. durch Fusion ausgelöscht wurde.

Die Kirche von Götterwickerhamm wurde vermutlich im 10. Jahrhundert gegründet und erhielt das Patrozinium des gerade erst heilig gesprochenen römischen Martyrerpriesters Nikomedes. Eine (die einzig weitere mir bekannte) Kirche mit diesem Patrozinium steht in Borghorst.

Die katholische Arbeiterstadt Borghorst bildet seit der Kommunalreform mit der protestantischen Beamtenstadt Burgsteinfurt, wo das berüchtigte Rolinckbier gebraut wird, in einer ungeliebten Verbindung die Stadt Steinfurt. Als der Borghorster Pastor einmal gefragt wurde, wie er sich die Hölle vorstelle, antwortete dieser: "Neben einer Burgsteinfurter Beamtenwitwe sitzen und Rolinckbier saufen." (Sancte Nicomedes - ora pro nobis!)

Die (Grund-) Mauern der heutigen Kirche stammen von 1447. Sie ist nach Zerstörungen 1821-34 wiedererrichtet worden. Man nennt sie stolz eine "Schinkelkirche". Tatsächlich hat der preußische Geheime Oberbaurat Karl Friedrich Schinkel nicht nur pflichtgemäß ein korrigierendes Auge auf die Pläne geworfen, sondern, um den Baufortgang zu beschleunigen, selbst einige Détails gezeichnet. Weiteres zur Geschichte hier.

Bei dieser Renovierung sind die z. T. schon eingestürzten Gewölbe entfernt worden. Der Bauschutt wurde dafür verwendet, den Kirchenboden gegen Hochwasser zu erhöhen.

Der Turm ist von einem um 1200 errichteten Vorgängerbau übernommen worden.




Grabplatte des Caspar von Sieberich zu Voerde vom 1639 im Turm:




Wenn man den niederrheinischen Protestantismus kennt, freut man sich, wenn man in eine lutherische Kirche kommt: Geostete Ausrichtung, ein (einigermaßen) "richtiger" Altar - hier als Kanzelaltar -, irgendwie dann doch wenigstens ein bißchen sakral... 

Die "schinkelsche" Renovierung fand nach der vom preußischen König Friedrich Wilhelm III. verfügten Union der Lutheraner mit den Reformierten in seinem Reich statt. Manche haben mir zurückgemeldet, daß ein solcher Kanzelaltar als reformiert anzusehen sei (siehe auch Kommentare unten). In dieser Gegend sind reformierte Kirchen allerdings oft "gedreht", wie z. B. im nahen Brünen und in den Niederlanden: Das (irgendwie) "liturgische Zentrum" befindet sich meist an der Südwand, die Plätze für die Gemeinde im Westen, Norden und Osten. Schlußendlich scheint hier also die preußische Union den verwischenden Ton angegeben zu haben.

Überhaupt ist es ja schön, daß die Kirche offen ist. Dafür sorgt an den Sonntagen im Sommer der Förderverein Baudenkmal Kirche Götterwickerhamm. Drei Damen taten gerade Dienst, waren sehr freundlich und gaben Erklärungen. Die Kirche von Götterwickerhamm ist die "Mutterkirche" der protestantischen Gemeinde Voerde, die, wie mir eine Dame sagte, über vier "Predigtstätten" verfügt. Der Kirchbesuch an diesem Sonntag lag nach Auskunft der besagten Dame bei gut einem Prozent. Sie berichtete auch, daß das lutherische Erbe seit der (alt-)preußischen Union unter König Friedrich Wilhelm III. von Preußen hier keine Rolle mehr spielt: "Der Pfarrer wendet sich beim Gebet nicht zum Altar."

Blick ins Kirchenschiff nach Osten:


Wie der geneigte Leser sicher schon vermutet, stimmt etwas mit der Orgel nicht. Auf dem Kirchenführer ist die Skizze Schinkels für die Ostpartie wiedergegeben:


Das jetzige Instrument (15 Register, 4 Transmissionen, Membranladen) ist 1933 von der Schwelmer Firma Faust errichtet worden und ersetzt ein Instrument von Ibach aus dem Jahr 1834. 

Der Taufstein von etwa 1200 war zwischenzeitlich durch einen neueren ersetzt worden. Der alte hatte (wie üblich) als Pferdetränke gedient, wurde dann wiederentdeckt und reaktiviert. Es handelt sich um einen Taufstein des Bentheimer Typus - und er ist auch aus Bentheimer Sandstein. Man hat ihn also von weit her kommen lassen. So etwas war um 1200 der letzte Schrei. 

Im nicht allzu weit entfernten Borken steht ein ganz ähnliches Exemplar (hier, Seite 3). Bemerkenswert ist, daß in St. Vincentius Till am linken unteren Niederrhein ein vergleichbarer Taufstein aus Namurer Blaustein steht, der ebenfalls um 1200 entstanden ist: Till war nämlich einst "Missionsbasis" für das rechtsrheinische Germanien (Westfalen, Niedersachsen). Beim gotischen Neubau der Tiller Kirche hat man offenbar sehr bewußt den alten Taufstein übernommen (Mission - Taufe). Vielleicht ist ja der Tiller Taufstein die Mutter des Bentheimer Typs.


Hier erkennt man gut die spätmittelalterliche Bausubstanz und die klassizistische Renovierung:


Zu den "Schinkelkirchen" gehört, wie mir eine der wachenden Damen berichtete, unbedingt die Kleeblattranke:


Auf der Empore stehen noch die originalen "schinkelschen" Bänke mit schmalen, exakt waagerechten Sitzflächen und exakt senkrechten, geradezu "sakral-masochistischen" Rückenlehnen. Da kommt Freude auf...



Im Westen der Empore befindet sich eine (protestantischerseits vermutlich als sakral empfundene) Gedenktafel für die Überlebenden (!) des preußisch (!) angeführten "Landsturms" 1813/14 gegen die Franzosen:
  

Freitag, 12. Juli 2019

Börninghausen St. Ulrici

Zum Gedenken an Pfarrer Wilhelm Beckmann und seine Frau Helga


Heute war ich in Börninghausen im Eggetal. Der Ort liegt im Wiehengebirge, zwischen Osnabrück und Minden, und gehört zur Stadt Preußisch Oldendorf, "preußisch" deshalb, weil es in der Nähe ein anderes Oldendorf gibt, das zum Königreich Hannover gehörte. Wir sind also sehr, sehr weit im Nord-Ost-Westfälischen.





Hier war in den letzten 500 Jahren das Lutherische die tonangebende Art des Christentums. Heute wurde hier der lutherische Pfarrer Wilhelm Beckmann beerdigt, der in Börnighausen fast 38 Jahre Pfarrer war. Niemand war länger hier Pfarrer, sagte der Prediger.

Pfarrer Wilhelm Beckmann war "der römisch-katholischste Protestant", den der Prediger kannte. Er hat über Jahrzehnte zweimal im Jahr ökumenische Begegnungen veranstaltet, zu denen viele katholische Bischöfe und evangelische Würdenträger kamen. Er stellte den Bischöfen, die dort übernachteten, seinen Altar zur Zelebration zur Verfügung - er hatte dazu alles dazu Nötige da und vergaß nicht, dem Zelebranten ein Schildchen hinzulegen: "Nomen episcopi N.". Er sagte wohl mit Recht, daß Börninghausen in Deutschland der Ort sei, der nach Fulda die meisten Bischöfe gesehen habe.

Hier feierte er jeden Sonntag das Altarsakrament, wie er es gerne nannte. Er feierte es so würdig und "katholisch", daß er den katholischen Mitbrüdern in der Umgebung die Gläubigen "abgrub", wie ich hörte. Er war ein eifriger Seelsorger, ein brennender Diener Gottes und der Kirche und ein streitbarer Gottesmann, der natürlich nicht nur Freunde hatte. Der wertschätzungsfreie Nachruf des Superintendenten spricht Bände durch das, was er nicht sagt.

Wilhelm gratulierte seinen Freunden verläßlich am Vorabend der Geburts-, Namens- (, Hochzeits-?) und Weihetage. Er kannte, wie ich vermute, alle Weihetage, Wappen und Wappensprüche der Bischöfe und Weihbischofe bis wenigstens ins Jahr 1700 zurück und von letzteren auch die Titularbistümer... Unglaublich!

Wilhelm Beckmann starb mit 72 Jahren, sieben Jahre nach seiner Pensionierung. Gott war so freundlich, ihn ausgerechnet am 4. Juli, dem Ulrichs- und damit Patronatsfest seiner Kirche, in die Ewigkeit zu rufen - ein himmlisches Friedenszeichen. Zu meinem letzten Namenstag hat er also nicht mehr gratuliert; ich habe es - mea culpa - nicht bemerkt.

Mit diesem Beitrag sei ihm ein dankbares "Denkmal" gesetzt. Er möge ruhen in dem Frieden, an den er in seinem Tiefsten geglaubt, den er innig gefeiert und den er eifrig verkündet hat. Und er möge in dankbarer und gläubiger Erinnerung derer bleiben, die sich an seinem "Glühen" wärmen durften.

Dieses "Denkmal" gilt ebenso seiner Frau Helga, die ihn liebe- und aufopferungsvoll begleitet, gestützt, korrigiert hat - trotz seiner katholisierenden Ansichten - und seinen Kindern und Enkeln.

Die Kirche St. Ulrici Börninghausen wurde in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts gegründet; schon aus dem 12. Jahrhundert stammt der als Wehrturm errichtete Glockenturm.




Das kleine Fenster ganz im Osten der Südwand ist ein "Hagioskop", durch das z. B. Leprakranke oder Büßer an der Messe teilnehmen und "das Heilige sehen" konnten, ohne die Kirche zu betreten.




Der im nächsten Bild zu sehende unscheinbare Bau ist das Pfarrheim/Gemeindehaus. Es heißt "Albert-Schweitzer-Haus" und wurde von Pfarrer Beckmann gerne "Albertinum" genannt. Hier fanden bei den ökumenischen Veranstaltungen Vorträge und Begegnungen statt. Ich erinnere mich, wie Wilhelm sogar zum Kaffee ein Tischgebet sprach, was selbst bei härteren Katholiken unüblich ist - lutherische Frömmigkeit.

Hier zogen sich die stets reichlich angereisten protestantischen und katholischen Geistlichen zu den großen Liturgien um, die Wilhelm mit sehr viel Liebe und der ihm eigenen Akribie vorbereitete. Dabei griff er die Sitte der katholischen "Kollegen" seiner Generation auf (er hätte "Mitbrüder" gesagt), immer wieder Erklärungen in den Gottesdienst einzufügen. Man nahm es ihm nicht übel: Es geschah mit Herzblut oder, wie er sagte, "kultischer Glut".

Bei einem ökumenischen Treffen war der damalige Bischof von Trier Reinhard Marx da, der aus dem Erzbistum Paderborn stammt, zu dem Börninghausen katholischerseits gehört. Nach dem Gottesdienst verneigte er sich mit allen Geistlichen zum Kreuz und sprach, sozusagen "ökumenisch": "Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist", was alle artig mit "Wie im Anfang..." respondierten. Dann sprach er das nach katholischen Gottesdiensten übliche: "Gelobt sei Jesus". Die Antwort "In Ewigkeit. Amen" kam natürlich prompt. Danach sagte er: "Maria mit dem Kinde lieb". Und auch hier antworteten die Geistlichen beider Konfessionen, wenn auch etwas verunsichert: "Uns allen deinen Segen gib." Der Bischof drehte sich mit einem verschmitzten Lächeln um und sagte: "O, da sind mir wohl die Pferde durchgegangen."

Bei einem weiteren Treffen dieser Art war der damalige Nuntius des Heiligen Stuhls in Deutschland, Erzbischof Erwin Ender, in Börninghausen. Nachdem Pfarrer Beckmann ihn an der Tür der "Albertinums" verabschiedet hatte, schwebte er förmlich durch die Gänge und sagte mit roten Wangen: "Jetzt kann nur noch der Papst kommen!"




Die Kirche St. Ulrici Börninghausen - sie ist übrigens seit Pfarrer Beckmanns Zeit tagsüber geöffnet:










Patrone der Börninghauser Kirche sind (v.l.n.r) St. Ulrich von Augsburg, St. Sebastian und St. Margareta, die hier an der Südwand des Chores zu sehen sind:



Auf der gegenüberliegenden Nordseite ist der Sakramentsschrank = Tabernakel erhalten (von einem Sakramentshaus oder gar -turm zu sprechen, wäre unangebracht). Es ist doch schön, daß es die Reformation überstanden hat. Heute wird dort das Abendmahlsgerät aufbewahrt. Ausbaufähig... 



Von den wieder freigelegten mittelalterlichen Malereien abgesehen, stammt die Ausstattung der Kirche - vermutlich auch wegen der Verwüstungen im Dreißigjährigen Krieg - im Wesentlichen aus dem 17. Jahrhundert, ist also reformatorisch. Einiges kommt wohl auch aus anderen Kirchen, z. B. das Bild von den vier Evangelisten an der Predella des Altares:


Die hölzerenen Ausstattungsstücke sind alle aus guter (nordost-) westfälischer Eiche.




Hier ein Blick zum erwähnten Hagioskop an der Südwand des Chores, dessen Lage zeigt, daß der Altar früher weiter im Osten stand. Heute steht er in der Mitte des Chores; dahinter befindet sich die hölzerne Sakristei, darüber die Orgel- und Chorbühne.



Die Empore (ebenfalls reformatorisch) zog sich vor der letzten, von Pfarrer Beckmann geleiteten Renovierung auch an der Nordwand (auf dem Bild rechts) entlang. Um den mittelalterlichen, freien Raumeindruck wiederzugewinnen, ließ Pfarrer Beckmann den Nordteil entfernen; die kostbaren Stücke daraus befinden sich jetzt in der Turmhalle (Bild unten).

Die Inschrift an der Emporenbrüstung lautet: "AD DEI GLORIAM ET ECCLESIÆ AUGMENTUM: MENSE MAJO ANNO 1684" - "Zu Gottes Ehre und zum Wachstum der Kirche - Im Monat Mai des Jahres 1684", was ganz in Wilhelms Sinne war.


Fenster an der Nordwand des Schiffes:




Figur des Kirchenpatrons St. Ulrich auf dem nordöstlichen Kapitell des Schiffes: 




Bei der letzten Renovierung hat man im Untergrund im Westen die Reste eines Taufsteinfundaments gefunden, an das seit dem im Kirchenboden erinnert wird:




Schnuckeliges Détail in der Nordwestecke des Schiffes - Zugang zur Empore:




In der Turmhalle steht ein eichenes Gestühl aus der Renaissancezeit, prächtig geschnitzt und mit Namen versehen:






Allegorien der Kardinalstugenden - hier der Glaube - in der Turmhalle, vermutlich von der Brüstung des entfernten Teils der Empore:




Blick aus der Turmhalle in die Kirche - wie gesagt, ist der Turm vor der Kirche als Wehrturm errichtet worden:




Die "Exsequien" für Pfarrer Wilhelm Beckmann wurden heute nur in der Trauerhalle und auf dem Friedhof in recht kleinem Kreis gehalten, aber immerhin mit Posaunenchor. Er hat es sich anders gewünscht. Es gab wahrscheinlich Gründe, es so zu tun, die mir aber nicht bekannt sind.

Die Trauerhalle ist nicht weiter erwähnenswert; ein recht schlichter, durchaus geschmackvoller Bau aus den 1960/70ern (geschätzt). Auch hier hat Pfarrer Beckmann Spuren hinterlassen, die für sein Wirken sprechen.

Zunächst bin ich auf ein Faldistorium gestoßen, das, wenn ich mich recht erinnere, früher als Pastorensitz in der Kirche diente, bis Stifter es möglich machten, diesen durch einen prächtigeren im romanischen Stil zu ersetzen. Dieser neue Sitz ist übrigens nach der Pensionierung von Pfarrer Beckmann wieder aus der Kirche entfernt worden.




Den Ausgang von der Trauerhalle zum Friedhof, durch den die Toten zum Grab getragen werden, hat Pfarrer Beckmann in seinen letzten Amtsjahren neu verglasen und dabei den Text des "In paradisum" sowie Embleme von (u.a. für den Ort bedeutsamen) Heiligen einfügen lassen:









Die zu seiner Beerdigung aufgestellte Osterkerze von 2006 zeigt seinen Stil und sein Streben ebenso...



... wie der barocke Auferstandene, der in der nüchternen Trauerhalle werbend, aber doch etwas verloren das Leben tanzt:



Auch in die letzten Amtsjahre von Pfarrer Beckmann fällt die Errichtung dieses Glockenträgers und vor allem der Guß der sich darin befindenden Erlöser- und Friedensglocke aus dem Jahr 2000: 




"In memoriam atque honorem Guilhelmi" folgt der Text des von ihm gedichteten "Börninghausener Friedens- und Patronatsliedes" - zu singen auf die Melodie "Sei gegrüßet, o Libori":


Gott, erhalte uns den Frieden
und laß uns auch schon hienieden
spüren deine Herrlichkeit.
Laß uns mit den Vätern glauben,
dir allein wie Ulrich trauen
auf dem Weg durch diese Zeit.

O Herr Christus, sieh uns beten 
und aus allen unsern Nöten 
flehn zu dir mit Zuversicht. 
Leib und Leben uns behüte, 
Kranken hilf in deiner Güte, 
und im Tod verlaß uns nicht.

Heil’ger Geist, nun gib dein Brausen 
für uns hier in Börninghausen.
Laß die Kirche fest bestehn.
Ulrich, Sebastian, Margarete,
stets als Beispiel vor uns trete, 
daß wir niemals irre gehn.

Nachtrag:
Wilhelms Frau Helga Beckmann ist nach längerer, tapfer getragener Krankheit zwei Monate nach ihm, am 3. September 2019 von Gott heimgerufen worden. Daß es am Tag des heiligen Papstes Gregor des Großen geschah, wird für sie wenig Bedeutung gehabt haben, aber ganz in Wilhelms Sinn sein.

"Zufällig" erreichte mich die Nachricht vom Tod dieser taffen, warmherzigen und tapferen Pfarrfrau auf dem Rückweg aus Norddeutschland, so daß ich an ihrem Sterbetag das Grab ihres Mannes besuchen und dort die Vesper vom heiligen Gregor beten konnte. Deo gratias!