Dienstag, 7. September 2021

Bardowick, Dom St. Petri


Bardowick liegt östlich von Hamburg südlich der Elbe, also an einer alten Grenze des Heiligen Römischen Reiches. Nördlich der Elbe wohnten die heidnischen Wenden (Slawen), mit denen man von hier aus bereits zur Zeit Karls des Großen regen Handel trieb. Bardowick soll damals eine der reichsten Städte gewesen sein.


Es hat eine alte und reiche Geschichte  ist es doch einer der ältesten Orte Niedersachsens. Er lag in einer 1700x750 m großen Wallanlage (dreimal so groß wie Haitabu). Diese Burg wurde um 100 v. Chr. von den hier ursprünglich siedelnden Langobarden angelegt. Der Name „Bardowick“ geht auf die Langobarden zurück. Man könnte ihn mit „Bartmarkt“ übersetzen. ("Wick", "Wik", "Weik",  "wijk" usw. ist eine Bezeichnung für Marktorte für die Handwerker und Händler in der Umgebung.) 


Bardowick wäre beinahe zum Bischofssitz geworden, wenn nicht 849 Verden zur Diözesanstadt und 1143 „Neu-Lübeck“ gegründet worden wären, das ja dann auch Bischofssitz wurde. In einem päpstlichen Dokument wird nach der Gründung des Bistums Verden irrtümlich ein Bistum Bardowick erwähnt. 


Der Marktort war durch Privileg König Ottos I. Münzprägestätte („Bardowicker Pfennig“) und erlebte eine durch den Handel bewirkte Blüte. Innerhalb der alten Burg einst zehn (!) Kirchen, von denen eine, St. Nikolai, als Spitalkirche fortlebt, der Ort einer anderen (St. Vitus) durch einen Glockenträger in Erinnerung gehalten wird und (wenigstens) eine dritte, St. Marianus, durch einen „Raum der Stille“ im örtlichen Hospiz beerbt wird.


Nach der legendarischen Bardowicker Gesäßhuldigung zerstörte Heinrich der Löwe die Stadt. Seitdem ist Bardowick nur ein Dorf. Doch die Stiftskirche St. Petri mit ihrem Kapitel haben nicht nur das überstanden, sondern auch die Reformation. 


Das Kapitel existierte bis 1865 fort, nachdem es per Gesetz bereits 1848 aufgelöst worden war. Der Dom mit seinem Vermögen ist per Gesetz von 1850 in den Besitz der Klosterkammer Hannover übergegangen.


Der Dom St. Petri ist aus einer von Kloster Amorbach aus gegründeten Missionszelle hervorgegangen. Eine  vielleicht zu karolingischer Zeit errichtete Holzkirche wurde frühestens um 1000 durch eine Feldsteinkirche ersetzt. Ein Ablaßbrief von 1236 berichtet von deren Baufälligkeit und der Armut der Stadt. Mit den Einnahmen errichtete man eine romanische Kirche, von der noch das Portal erhalten ist. Ein Ablaßbrief des Halberstädter Bischofs Hermann (1296-1304) dürfte zur Finanzierung der beiden achteckigen Glockentürme beigetragen haben. 


1347 beginnen die Planungen für den heutigen gotischen Bau, dessen Beginn sich aber durch historische Wirren hingezogen hat. Damals wird neben dem heiligen Petrus auch St. Paulus Kirchenpatron. 


Die Kirche ist zwar von weitem zu sehen, im Ort aber nicht leicht zu finden, da er nicht im (nicht vorhandenen) Dorfkern liegt und die Türme niedrig sind. Ländliche Annäherung vom Parkplatz aus:





Die Fassade erzählt von der komplexen Baugeschichte: Die noch "romanischen" Türme vor dem gotischen Westgiebel ragen aus dem Dach der jüngeren Stephanuskapelle heraus. Im Nordturm hängen zwei gotische Glocken (vermutlich Meister Ulrich, Lüneburg, 1424), im Südturm drei aus der Zeit der Romanik. (Informationen über das Geläut



Der Dom steht heute auf einem bescheidenen Dorfplatz.



Die Südfassade der spätgotischen Hallenkirche läßt "Kenner" aufmerken: Wieso gibt es je zwei Fenster zwischen den Stebepfeilern?





Der Löwe von 1487 über dem Südportal, erinnert an die Zerstörung Bardowicks durch Heinrich den Löwen (Inschrift: "Leonis vestigium" = "Fährte des Löwen"). Es handelt sich also nicht um einen "Löwendom"... Hier stand einst die Südhalle, schon damals mit dem Löwen.



Romanisches Westportal (rheinisch).



Davor die wie ein Narthex erscheinende Stephanuskapelle. Wie diese liturgisch, gar mit einem geosteten Altar funktioniert haben soll, kann ich mir nicht vorstellen.



Das Innere des Doms.




Die Seitenschiffjoche fassen, wie oben erwähnt, je zwei Fenster unter einem fünfteiligen Gewölbe zusammen. Dies ist keine Erinnerung an das Gebundene System der Romanik, sondern eine spätgotische Lösung aus Lüneburg: Die Seitenschiffjoche sind an die des Mittelschiffs angelehnt, um sie zu stützen. Dies ist nötig, weil Joch- und Kreuzrippen halbkreisförmig und nicht mehr spitz sind und damit mehr Last nach außen schieben. 



Bei diesem Bild vom nördlichen Seitenschiff habe ich die Kamera durchaus gerade gehalten - das Mittelschiff schiebt also kräftig...



Im Chorraum feierte das Klerikerstift das Kapitelsamt und die Stundenliturgie, das Kirchenschiff, einst durch einen Lettner abgetrennt, diente als Pfarrkirche. (Die Kreuzigungsgruppe des Lettners befindet sich heute in St. Nicolai in Göttingen.)



Das Chorgestühl mit 54 Stallen aus dem 15. Jahrhundert ist original erhalten. In den oberen Reihen nahmen die Stiftsherren Platz, in den unteren die Vikare.



Taufbecken (1367) vermutlich von einem Gießer aus Lüneburg, erworben vom Stiftsdechanten und Bauverwalter Johannes Om. (Wer sich für mittelalterliche Raummaße interessiert, dem sei  dazu diese Studie empfohlen.)  



Hochaltar - Predella für Reliquien 1405, niederländisch, Retabel um 1430. Urspünglich war es ein Wandelaltar mit zwei Flügelpaaren, einer Werktags-, einer Feiertags- und dieser Festtagsseite, deren mittelalterliche Farbgebung und Vergoldung 1968 wiederhergestellt worden ist. 


Rund um die Gottesmutter in der Mitte (von innen nach außen; in den Flügeln wechseln Frauen und Männer ab): 


Obere Reihe links

im Mittelschrein:

hll. Apostel PetrusBartholomäusThomas

im Flügel:

hl. Gertrud von Nivelleshl. Georghl. Dorotheahl. Johannes der Täufer


Obere Reihe rechts

im Mittelschrein:

hll. Apostel Paulus, Matthäus, Judas Thaddäus,

im Flügel:

hl. Katharina, hl. Laurentius, hl. Ursula, hl. Mauritius


Untere Reihe links

im Mittelschrein:

hll. Apostel AndreasJakobus d. Ä.Philippus,  

im Flügel:

hl. Margareta, hl. Erzengel Michael, hl. Elisabeth von Thüringen, ein hl. Bischof (Willehad?),


Untere Reihe rechts

im Mittelschrein:

hll. Apostel Johannes Ev., Simon, Jakobus d. J.

im Flügel:

hl. Barbara, hl. Stephanus, hl. Maria Magdalena, hl. Nikolaus (?) 




Hölzernes Sakramentshaus / Tabernakel - vorläufig außer Betrieb ;-)



Rest des Levitensitzes für Priester, Diakon und Subdiakon mit neu zusammengesetzten Wangen (1410), die Mose und Elija darstellen.



Daran die Darstellung des Mose.



Die Niederen Ostwangen des Chorgestühls: Der hl. Georg... 






Blick nach Westen zur Schuke-Orgel von 2012 im historischen neugotischen Gehäuse der Furtwängler-Orgel von 1867. Sie ist im mitteldeutsch-thüringischen Stil konzipiert.



Weihnachtsleuchter von Erich Brüggemann (um 1970), der an die Marienleuchter von Eutin und Doberan anknüpft.




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Samstag, 4. September 2021

Ostholstein - Wagrien - Bistum Oldenburg - Vicelins Kirchen


Ein emeritierter Propst von Eutin antwortete auf die Frage, ob er jemanden kenne, der die Geschichte Holsteins erklären könne: „Der eine ist gestorben, der andere ist verrückt geworden.“ Daher sei für die Frühzeit der holsteinischen Geschichte sei die folgende Vereinfachung erlaubt; die spätere Zeit ist wirklich zum Verrücktwerden.


Nachdem die Gletscher der letzten Eiszeit dieses Land aus Sand und rundgeschliffenen Granitsteinen aus Skandinavien geformt und dabei unterirdische Eisklumpen hinterlassen hatten, aus denen später die Seen entstanden, rückten Angeln und Sachsen auf der Jagd nach Rentieren den schmelzenden Gletschern nach. Als die Vegetation Landwirtschaft möglich machte, ließen sie sich nieder. Als es ihnen zu wenig nebelig war, setzten sie auf die britischen Inseln über und ließen das Land menschenleer zurück. Slawen (Obotriten, Wenden, wohl auf der Flucht vor den Ungarn) besiedelten dann das Land. Die römisch-deutschen Kaiser befriedeten die unsichere Nordgrenze des Reiches durch Kolonisation und christliche Mission Nordelbiens (Wagriens). So zogen Sachsen (Westfalen, Niedersachsen) und „Holländer“ hierher. Darum gibt es neben vielen slawischen Ortsnamen (z.B. „Eutin“, „Grömitz“, „Kükelühn“) auch so „westfälische“ wie z.B. „Oevelgönne“ und „Poggenpohl“). 


Eine Zusammenfassung der frühen Kirchengeschichte des Landes bot mir eine Theologin des Erzbistums Hamburg: „Ansgar hat das Erzbistum Hamburg gegründet, ist dann aber bald wieder vor den Slawen geflohen. Answer wurde noch zum Martyrer. Bischof Vicelin durfte dann schon an einem Schlaganfall sterben wie die heutigen Pastöre.“ 


Meine Entdeckungen in Ostholstein/Wagrien, dem ehemaligen Bistum Oldenburg (allem voran der heimliche Star):


Bitte auf die Bilder klicken!


Kirchnüchel St. Marien
St. Marien Kirchnüchel

Oldenburg, St. Johannis und St. Vicelin

Altenkrempe, Basilika

Lütjenburg, SS. Blasii und Michaelis

Ratekau, Feldsteinkirche

Bosau St. Petri

Eutin, St. Michaelis, Schloß und St. Marien

Selent, St. Servatius

Cismar, ehem. Abteikirche

Lensahn, St. Katharinen

Neustadt i. H., Stadtkirche St. Franziskus

Hansühn, Christuskirche

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Ratekau, Kirche


Die Kirche von Ratekau (Patrozinium unbekannt) ist laut der Slawenchronik des Priesters Helmold (Text S. 165) nach Oldenburg, Altenkrempe und Lütjenburg die vierte im Bistum Oldenburg. Sie wurde auf Veranlassung Graf Adolfs II. von Schauenburg-Holstein und Bischof Vicelins zwei Jahre nach dessen Tod ab 1156 errichtet und steht als eine der besterhaltenen Kirchen Ostholsteins aus dem 12. Jh. bis heute so da. Der Rundturm ist typisch für die Kirchen der hiesigen Kolonisations- und Missionszeit. 


Es handelt sich um eine zeit- und ortstypische Feldsteinkirche: In Ermangelung ausgebildeter Maurer und mauerfähigen Steinmaterials füllte man eine Holzverschalung mit granitenen Findlingen (Feldsteinen) und goß die Hohlräume mit Gipsmörtel zu.


Zunächst ein Gang um die Kirche.






Rund um den Kirchturm und in eine die Kirche umgebende niedrige Mauer hat man - vielleicht nach dem Ersten Weltkrieg - Steine mit Personennamen (von Gefallenen?) eingelassen.




Bei meinem ersten Besuch war die Kirche verschlossen, und dies schon seit längerem, wie mir eine freundliche Spinne diskret mitteilte.



Im Schaukasten war zu erfahren, daß die Kirche samstags von 12-14 Uhr geöffnet sei - mitten in der Nacht! Ich verschob also den Mittagsschlaf, fuhr hin, fand die Kirche wieder verschlossen vor, konnte aber im Pfarrhaus einen Schlüssel bekommen.


Im Turm:



Das Innere wirkt - von der historischen Bedeutung abgesehen - etwas freud- und lieblos.



Gräber in der Kirche.



Kreuz (um 1600) mehrfach überarbeitet. Die Malereien in Chor- und Fensterbögen scheinen aus dem 12. Jahrhundert zu sein. Bei Wikipedia ist zu lesen, daß der "Apsisbogen" 1234/34 erneuert wurde. Sollte damit der Chorbogen gemeint sein, sind die Malereien über dem Kreuz aus dieser Zeit - und so scheint es mir.





Blick nach Westen zur Marcussen-Orgel von 1891 (nach Veränderungen 1982/83 von Christian Lobback, Neuendeich annähernd wieder in den ursprünglichen Zustand versetzt).



Taufstein (Anfang 20, Jh.?) mit Taufengel von 1764, der zwischenzeitlich in Vergessenheit geraten war und dabei Schaden genommen hat. 1991 wurde er wiedergefunden und restauriert. 2019 wurden die fehlenden Teile rekonstruiert - insgesamt eine Krempelecke... 



Blick ins Kirchenschiff von der Orgelbühne aus.



Kirchen in Ostholstein


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