Donnerstag, 31. Oktober 2019

Hamburg - die wartende Stadt der Muttergottes

Die (spätere) Freie und Hansestadt Hamburg ist von Kaiser Karl dem Großen am Ort des damals schon befestigten Dorfes Hammaburg (="Sumpfburg") gegründet worden, das im 9. Jahrhundert belegt ist (Geschichte). Der christliche König der Franken hatte die größtenteils noch heidnischen Sachsen besiegt. Von 772 bis 804 wurde das Sachsenland Teil des karolingischen Reiches, das nun, hier in Hamburg an die "deutsche Grenze" stieß: Hier begannen die "Dänemark" und "Polen"; die Grenzen waren fließend, die Scharmützel häufig, und auch die Normannen schauten gelegentlich brandschatzend und mordend vorbei. 

832 gründete Papst Gregor IV. das Missionserzbistum Hamburg und ernannte Ansgar zu dessen erstem Erzbischof. Dieser floh 848 vor den Normannen und bekam das praktischerweise gerade vakante, 788 gegründete Bistum Bremen zugesprochen, das so dem Erzbistum Hamburg einverleibt und dessen Bischofssitz wurde.

Hier dessen Figur des heiligen Ansgar auf der Trostbrücke von 1881:




Hamburg ist heute eine Millionenstadt, Deutschlands "Tor zur Welt", geprägt von mit protestantischem Ernst betriebener Geschäftstätigkeit. Dies prägt die Stadt in zweierlei Hinsicht: Erstens sind die Gebäude, vor allem die weltlichen, von kühler, zurückhaltender Pracht. Zweitens gibt es keine "Gemütlichkeit", so z. B. keine Plätze, auf denen man sich niederlassen und sich absichtslos des Leben freuen könnte. Außerdem ist die Stadt im Zweiten Weltkrieg schwer zerstört worden.

Im Folgenden lasse ich den geneigten Leser an meinem Spaziergang durch die Stadt teilnehmen, für den ich anläßlich eines Besuches in der Gegend einen halben Tag Zeit und dazu nur mein Funktelephon dabei hatte. Einige bessere Bilder aus dem Jahr 2008 hatte ich noch im Archiv, die nun zu Ehren kommen.

Von der Innenstadt aus bin ich zuerst durch die Speicherstadt zur Elbphilharmonie gelaufen, die auf einer Hafeninsel ganz im Nordwesten des Hafens liegt.



Die Philharmonie ist hinten links zu sehen.








Dies ist der Annenplatz in der Speicherstadt. Hier stand einst eine St. Annen-Kapelle.




Die Elbphilharmonie, 2016 fertiggestellt (die Konzertsäle waren nicht zugänglich):











Dies ist tatsächlich der Haupteingang zur Philharmonie. Ist die Architektur des Gebäudes auch im großen und ganzen gut bis phantatastisch, kann man ihn als einen Schwachpunkt bezeichnen.









Die gewellten Scheiben erzeugen schöne Effekte:






Von hier aus sieht man die fünf Türme der Altstadt: die der vier Hauptkirchen (die fünfte ist St. Michaelis in der Neustadt) und den des Rathauses.





Wache der Hafenpolizei:




Weiter flußab- und stadtauswärts zu den Landungsbrücken:




Hinten rechts im Bild die Landungsbrücken bei St. Pauli, 1907-09 von Ludwig Raabe und Otto Wöhlecke errichtet:




Eingangs- und Aufzugsgebäude des Alten Elbtunnels 1907-11 ebenfalls von Ludwig Raabe und Otto Wöhlecke errichtet:




St. Pauli habe ich nicht besucht... Stattdessen folgte ich den Glocken von St. Michaelis (dem "Michel") und nahm am Mittagsgebet teil, das gut besucht war. Die "zelebrierende" Dame machte die Sache fein, verfolgte aber einen niedrigschwelligen Ansatz, so daß ich von ihren Worten nur noch ihre sockenstopfende Oma und eine geklebte Tasse in Erinnerung habe. Es ging um das Heil...

Ich saß unter der südlichen Empore.



Die Kirche verfügt über sechs Orgeln. Hier sieht man die "Konzertorgel" und rechts den Generalspieltisch:




Die Bank des Kirchengemeinderats mit vergoldeten Lederkissen:




Die Hauptorgel - trotz der Größe eher norddeutsch-barock-hüstelnd (Steinmeyer & Co. 1966...):




St. Michaelis ist um 1600 als Kapelle eines Pestfriedhofs außerhalb der Stadt gegründet worden. An diesem Ort steht bis heute eine Kirche, der "kleine Michel", über den ich später berichte. Diese erste Kirche wurde bald zu klein, und man errichtete am heutigen Ort 1647 einen größeren Neubau. Nachdem dieser durch Blitzschlag abgebrannt war, wurde 1750 eine neue, barocke Kirche gebaut, die 1906 abbrannte und in den alten Formen, aber feuerfest wiederaufgebaut wurde. Im Zweiten Weltkrieg wurde die Kirche schwer beschädigt und danach wiederum in der alten Gestalt hergestellt. 

Beim Bau der Kirche ging es augenscheinlich darum, möglichst vielen Menschen Platz zu bieten: Emporen, "Séparées" (Priechen genannt) allüberall. 








Über dem Hochchor:




Die marmorne Kanzel ist ein lutherisches Bekenntnis:



Die Carl-Philipp-Emmanuel-Bach-Orgel im Süden:







Der 132 Meter (!) hohe Turm am Hafeneingang ist ein, wenn nicht das Wahrzeichen der Stadt:












St. Michael über dem Westportal:



Weiter gehts...





... zum ganz in der Nähe liegenden "kleinen Michel", seit 1811 katholische Pfarrkirche, den heiligen Ansgar und Bernhard geweiht. 



Nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg erstand die Kirche unter den Architekten Gerhard Kamps und Jean Charles Moreux in den 1950er Jahren neu. Daß in dieser Zeit ein französischer Architekt sich im Land der "Erbfeindes" engagierte, ist ein Friedenszeichen, das durch die Geschichte der Kirche motiviert ist: 1811 hatte der französische Präfekt der Stadt die Kirche den Katholiken übergeben, was der Staat Hamburg 1825 bestätigte. Bis heute finden hier Messen in französischer Sprache statt.




Gegenüber steht ein Denkmal Kaiser Karls den Großen, des Gründers der Stadt:













Weiter gehts...




... nach St. Nikolai, einer der vier altstädtischen Hauptkirchen...




... vorbei am 1902-04 als Kontor-, Lager- und Geschäftshaus erbauten "Alten Klöpperhaus", einem schönen Beispiel für Hamburgs Profanarchitektur.





Die ehemalige Hauptkirche St. Nikolai wurde 1195 gegründet. 1874 erbauten englische Architekten die Kirche neu und errichteten geradezu eine Kathedrale. Der 147 m hohe Turm war damals der höchste Kirchturm der Welt (Köln und Ulm waren noch im Bau). Nach einem Bombardement im Zweiten Weltkrieg ist die Kirche nicht wiederaufgebaut worden (die Gemeinde besteht bis heute).


















Weiter gehts...




... zur Trostbrücke. Eine Tafel aus dem 19. Jahrhundert informiert: 

"Die schon im Jahre 1266 genannte Trostbrücke, einst geschmückt mit dem Trost der Christenheit, dem Crucifix, verband die seit des Erzbischofs S. Anschar's Zeit vorwiegend geistliche Altstadt mit der von Adolf III., Grafen zu Schauenburg, Stormarn u. Holstein, dem Weltverkehr gewidmeten Neustadt, dem St. Nicolai Kirchspiel. Benachbart dem gemeinsamen Rathause nebst Gerichtsgebäude und später der Börse und Bank, diesen Palladien der freien Stadt, war sie während vieler Jahrzehnte auch eine weltliche Trostbrücke für unsere hier wandelnden Väter. Möge das Andenken an den göttlichen Schutz und Trost in schweren Zeiten der Vergangenheit Hamburg's, auch in Zukunft uns und unsern Nachkommen trostreich lebendig bleiben. Die Trostbrücke wurde zuletzt von Grund auf neu gebaut im Jahre 1881."

Die heutige Brücke zieren die Statuen des heiligen Ansgar, des ersten Erzbischofs von Hamburg (reg. 834-865)...



... und des Grafen Adolf III. von Schauenburg (reg. 1164-1203), dem Gründer der Neu- und Freistadt.



Die erstmals 1256 erwähnte Hauptkirche St. Katharinen (Gemeindeseite); der Turmschaft und, wie mir scheint, auch das Kirchenschiff stammen aus der Gründungszeit.






Architektonische Nachkriegsbuße:






Die Orgel ist eine Rekonstruktion des Instruments aus der Renaissance und dem Barock:




St. Katharinen hat einen "Krüppelchorumgang": Die Seitenschiffe setzen sich neben dem Hochchor fort und umgeben den Hochchor. Da dieser aber einen geraden Chorschluß (also keine Apsis) hat, unterbricht er den Chorumgang:



Gedenken an Zerstörung und Wiederaufbau:




Zur Mitte! Der 832 ernannte erste (Erz-) Bischof von Hamburg errichtete in der Hammaburg eine Kirche, seine Kathedrale, die er der Gottesmutter weihte, die bis heute Patronin der Stadt ist, meine lieben Protestanten! Dieser Dom wäre natürlich die eigentliche Hauptkirche der Stadt, wäre er - immerhin die größte Backsteinkirche der Welt, wie ich hörte - nicht Anfang des 19. Jahrhunderts abgerissen worden. Er war er zwar protestantisch geworden, aber das Domkapitel aus katholischen Zeiten blieb bestehen und wurde erst bei der Säkularisation aufgehoben.

Hier eine Informationstafel, die die alte Hammaburg und die Lage des Mariendoms zeigt:



2008 sah es hier so aus. Der einzige Rest des Domes, ein Pfeilerfundament, ist erhalten:




Heute (2019) hat man den Platz so gestaltet. Die weiße Sitzgelegenheiten markieren die Standorte der alten Pfeiler:




Nahe beim alten Dom steht die älteste Pfarrkirche von Hamburg, St. Petri. (Unten mehr dazu.)




Zunächst ging ich nach St. Jakobi, 1255 erstmalig erwähnt. Die heutige Backsteinkirche wurde im 14. Jahrhundert als dreischiffige Hallenkirche errichtet und im 15. Jahrhundert um ein zusätzliches Schiff im Süden erweitert. Wie man dem Turm ansieht, ist auch sie im Zweiten Weltkrieg vollkommen zerstört und bis 1962 wieder aufgebaut worden. Das Inventar konnte gesichert werden.




Das südliche Seitenschiff mit dem Lukasaltar der Maler von 1499 aus dem 1805 abgebrochenen katholischen Dom:




2008 ohne Flügel:




2019 mit Flügeln:




Hochchor mit dem Dreifaltigkeitsaltar der Böttcher (um 1518), einem der ehemals 20 Nebenaltäre der Kirche.






Im (inneren) Südschiff befindet sich der Petrusaltar der Fischer von 1508, der im Mittelschrein Maria, die Patronin der Stadt, und daneben Petrus und Gertrud von Nivelles zeigt:





Im einzelnen:



St. Petri ist die älteste Pfarrkirche der Stadt, nachweisbar seit 1195. Der heutige Bau stammt aus dem 14. Jahrhundert (Erweiterungen im 15. Jh.). Nach dem Stadtbrand 1842 wurde die Kirche 1844-49 auf altem Grundriß von A. de Chateauneuf und H. Fersenfeldt wiedererrichtet. Der Turm wurde 1866-78 von J. Maack erbaut.










Dieses "Weihwasserbecken" ist der Taufstein, der erfreulicherweise im Westen der Kirche steht:





Blick in die Südschiffe 2019:




Blick in die Südschiffe 2008:




Über der "Kanzel" steht ein als Kirchenstifter dargestellter Heiliger (St. Ansgar?):




St. Petri birgt einige Kleinodien aus der Reformationszeit, wie dieses Auferstehungsbild von 1577...




... oder diesen Schmerzensmann...




... und auch dieses von einem aus Flandern stammenden protestantischen Religionsflüchtling stammende Abendmahlsbild:




Besonders hervorzuheben ist aber, daß St. Petri den ganzen Tag über von Betern aufgesucht wird, wie ich erlebt habe. Noch viel "besonderer" ist es, daß die spätmittelalterliche Marienfigur (im vorreformatorischen Hamburg wurde die Gottesmutter sehr verehrt) nicht nur vorhanden ist, sondern es auch die Gelegenheit gibt, vor ihr Kerzen zu entzünden (für ein Teelicht fordern die Pfeffersäcke 70 Cent!)






Und jetzt kommts: Es gibt in St. Petri eine "Mittwochsmesse", also einen lutherischen Werktagsabendmahlsgottesdienst, der gut besucht wird. 2008 habe ich daran teilgenommen, mußte ihn aber vor der "Kommunion" verlassen und habe, da der "Liturg" erkennbar Konsekrationsabsicht hatte und ich nicht wußte, ob er ein vielleicht über die schwedische Kirche gültig geweihter Priester war, sicherheitshalber eine Kniebeuge gemacht.




Das Rathaus evoziert die Geschichte und Würde der Stadt:






Blick vom Jungfernstieg auf die Binnenalster:




Der 1906 in Betrieb genommene Hamburger Hauptbahnhof ist großartig:








Zum Abschluß noch ein Blick auf die heutige katholische Kathedrale St. Marien im bahnhofsnahen Stadtteil St. Georg, die in der Nachfolge des abgerissenen Doms steht:



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