Freitag, 6. Mai 2022

Marienthal im Westerwald - ein Gnadenort


Wenn man aus Richtung Köln nach Marienthal fährt, endet die Autobahn bei Hennef, dann geht es knapp 40 km über Landstraßen weiter. Örtliche Heimatvereine scheinen dafür zu sorgen, daß, wenn man einen LKW überholt hat, gleich an der nächsten Kreuzung ein anderer LKW einbiegt, damit man die schöne Mittelgebirgslandschaft in aller Ruhe genießt. Auf den letzten Kilometern werden die Straßen schmaler und holpriger. Aber das kleine Marienthal (im Jahr 2011: 55 Einwohner) ist tatsächlich ans geteerte Straßennetz angeschlossen. 


Ein Freund wohnt hier und hat davon geschwärmt. So habe ich ihn besucht und bin von Marienthal "verzaubert" worden. Das liegt an seinem bescheidenen Charme und an den Menschen, denen ich begegnet bin: Viele haben hierher gefunden oder kommen hierher, und sie bekennen, daß es eigentlich nicht zu erklären ist, warum. Z. B. hat sich jemand verfahren und den Ort zufällig entdeckt. Alle, mit denen ich gesprochen habe, bezeugen, hier einen Schatz entdeckt zu haben. 


So gibt es hier ein reiches geistliches Leben, z. B. eucharistische Anbetung von Freitag bis Montag durchgehend, selbst montags ("Pastorensonntag") und am Samstagmorgen wird die hl. Messe gefeiert, allerdings nicht mittwochs und donnerstags; da fährt die "Werktagsgemeinde" in eine der umliegenden Kirchen. 


Marienthal gehört heute (2022) zum "Seelsorgebereich Westerwald" des Erzbistums Köln und wird von einem eigenen Wallfahrtsseelsorger betreut.


Marienthal ist im 15. Jahrhundert als als Wallfahrtsort entstanden. Die Gegend (Grafschaft Sayn) wurde erst lutherisch, dann calvinistisch, so daß die Wallfahrt zum Erliegen kam.


1666 wurde hier ein Kloster der Franziskaner gegründet, das nach dem Reichsdeputationshauptschluß aufgehoben (das muß mal als Franziskanerkloster erst einmal schaffen!) und 1892 wiedergegründet wurde. Die Franziskaner haben Marienthal 1974 verlassen. (Geschichte)


Das Kloster mit der Kirche (links) von Westen...



... und von Norden:



An der Nordseite hat man einen Außenaltar für Pilgergruppen errichtet.



Am 6. Mai 2022 wurde diese neue Herz-Jesu-Statue vor der Kirche gesegnet. M. W. eine Schenkung, die Ebay möglich machte. Ein Zeichen für die Lebendigkeit und Besonderheit der Gemeinde. (Der Herr steht allerdings zu tief, denn er schaut auf die Gänseblümchen, nicht auf die Beter. Das nehmen wir dann mal geistlich als Zeichen der Zeit...)



Die 1668 begonnene, franziskanisch schlichte Kirche ersetzt ihre baufällig gewordene Vorgängerin, einen dreischiffigen gotischen Bau (1494-1503), der wiederum anstelle der um 1460 errichteten ersten Wallfahrtskapelle errichtet worden war. Sie wurde 1839 teilweise abgerissen, kleiner und ohne Turm wieder aufgebaut, um 1970 barockisierend renoviert und, wie mir mein Freund erzählte um zwei Joche nach Westen erweitert.


Der spätbarock-klassizistische Hochaltar kam erst (oder schon) 1968 von Windorf an der Donau hierher; das Altarbild „Maria Immaculata“ wurde 1841 von Clementine von Geyr-Schweppenburg gemalt.



Die barocken Deckenfresken warten noch auf ihre Restaurierung.



Vor dem Altarraum hatte man zum Marienmonat Mai eine große und recht kecke Madonna aufgestellt, die nach Auskunft meines Freundes aus der Zeit der Franziskaner in Marienthal stammt. Ist es nicht herrlich, wie fröhlich-stark sie blickt und ihren göttlichen Sohn kitzelnd zum Erbarmen bringt?



Gegenüber steht eine außergewöhnliche Figur des heiligen Joseph (1950er Jahre?), die für Marienthal gemacht worden ist, wie man am Kirchen- und Klostermodell rechts im Bild erkennt, über die Joseph schützend seine Hand hält:



Der heranwachsende Gottessohn, vom Pflegevater behütet und diesen lehrend: "Paß gut, wie auf mich, auch auf die Marienthaler Kirche auf!"



Die Lederschürze ist so krachledern geschnitzt, daß man sie knirschen hört:




Das Gnadenbild aus dem 15. Jahrhundert soll nach Auskunft meines Freunde aus dem 2 km entfernten Hilgenroth (= Heiligenrode) gerettet worden sein, als man dort den Calvinismus eingeführt hatte.




An der Westwand der Gnadenkapelle befinden sich Reliquien (siehe hier) und Danktafeln, die bezeugen, daß die Gottesmutter auch heute in Marienthal wirkt:



Im Klostergebäude befindet sich heute ein Tagungshaus mit Gastronomie, das, wie ich hörte, keine Sensibilität für den Geist des Ortes an den Tag legt.

Wir haben im "Waldhotel ,Unser Haus' der Begegnung" gegessen, das von der belgischen Familie Respaillie betrieben wird. Der Wirt ist ein feiner Mann, der eher andeutet als erzählt, was an diesem Ort geschieht. Zudem wird nicht nur gut gekocht und gebacken, sondern auch Wurst hergestellt. Der Wirt hält zudem zig belgische Biersorten bereit. 

Als ich ihm vor dem Essen sagte, daß ich eher schwaches Bier trinken wolle (ich mußte ja noch mit dem Auto fahren), fragte er: 1. "hell oder dunkel?" und 2. "wieviele?" und kredenzte mir dann zwei verschiedene, "aufeinander aufbauende" wunderbare Biere. Ich stelle mir vor, daß er auch gerne eine Serie von sieben Bieren komponiert. Für diesen Fall gibt es im Haus Zimmer für die Übernachtung.

Sonntag, 6. März 2022

Oeynhausen Auferstehungskirche und St. Peter und Paul


Nach dem Fund einer Thermalquelle 1839 ist Bad Oeynhausen als Kurort entstanden. Der Name kommt von dem Berghauptmann Karl von Oeynhausen, der die Quelle gefunden hat. 


Der preußische König Friedrich Wilhelm IV. verlieh dem Ort 1848 den Namen "Königliches Bad Oeynhausen". Stadtrechte hat er seit 1885. 


König Friedrich Wilhelm IV. beauftragte den Schinkel-Schüler Friedrich August Stüler mit den Entwürfen für zwei Kirchen am Rande des Kurparks, die katholische Kirche St. Peter und Paul und die lutherisch-protestantische Auferstehungskirche.


Die Auferstehungskirche wurde 1872 im neugotischen Stil errichtet und brannte 1947 nieder. (Oeynhausen war damals Sperrgebiet, Sitz der Militärregierung für die Britische Besatzungszone und Hauptquartier der Britischen Rheinarmee.)



1956/57 erfolgte der Wiederaufbau in moderner Form durch den Architekten Diez Brandi. Er bewahrt die erhaltenen Außenmauern (nur der Chorraum und das "Westwerk" sind neu) und augenscheinlich auch die alte Gliederung der Schiffe, die durch die neuen Pfeiler und an der Decke sichtbar wird.



Besonders bemerkenswert ist das Chorfenster von Hans Gottfried von Stockhausen, das fast die gesamte Ostwand einnimmt. Es stellt links die Geburt, rechts die Kreuzigung und in der Mitte die Auferstehung Christi dar; ganz oben das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt trägt:




Altar samt Leuchter und Taufstein stammen von Gerhard Marcks


Ich habe die Kirche kurz vor einem Friedensgebet für die Ukraine besucht, zu dem man eine Marienikone auf dem Altar aufgestellt hatte. (Das ist für eine protestantische Kirche schon bemerkenswert. Ich weiß aber nicht, ob die Gemeinde jetzt regelmäßige Marienandachten plant...)


Hier der Taufstein vor dem marianischen linken Teil des Chorfensters:



Die Kanzel mit den zwölf Aposteln von Prof. Arnold Rickert:



Das Kirchenschiff ist - typisch für die 1950er Jahre - asymmetrisch wiedererrichtet worden. Man beachte die Reminiszenz an die alte neugotische Struktur durch Pfeiler und Deckenträger. Hier der Blick nach Süden mit der Orgel (Ott, 1959, 42 Register):




Alles in allem eine schöne 50er-Jahre-Kirche, die - vom fehlenden Tabernakel abgesehen - auch katholisch sein könnte.


Apropos "katholisch": Die katholische Kirche St. Peter und Paul wurde, verzögert durch den Krieg 1870/71, erst 1871 begonnen (Geschichte) und war gerade wegen Renovierung geschlossen. Sie ist auf dem Grundriß eines griechischen Kreuzes errichtet, hat also kein "Langhaus".


Die 1874 geweihte Kirche wurde 1929 um ein Langhaus mit Turm erweitert, dessen Bochumer Stahlglocken e' g' a' von 1957 heute in St. Liborius in Hamm läuten.


Ein 1971 geplanter Neubau konnte verhindert werden. Stattdessen wurde die Kirche 1977 um eine Unterkirche erweitert und das Langhaus wieder abgerissen.


Eine Übersicht zur heutigen Situation findet sich bei den Panoramen des Erzbistums Paderborn. (Zur Unterkirche gelangt man über die quadratischen Felder man links unten.)


Das Gotteshaus ist sehr charmant:




Die Kirche hat (heute) keinen Glockenturm oder -träger (mehr). Ob das "Tabernakel" über dem Westportal für eine Glocke geplant war oder eher auf eine Heiligenfigur wartet (z. B. Pius V.), entzieht sich meiner Kenntnis.



Feine Klassizistik im von Peter Joseph Lenné gestalteten Kurpark.



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Samstag, 29. Januar 2022

Rheinhausen-Hochemmerich Alt-St. Peter (Christuskirche)


Kommt man auf der Bundesstraße 57 von Norden nach (Duisburg-) Rheinhausen (linksrheinisches Ruhrgebiet), fällt auf der linken Seite eine mittelalterliche Kirche auf. Für eine alte Dorfkirche recht groß und hat Mauern im "Durchwachsenen-Speck-Stil", wie es im 15. Jahrhundert chic war. Außerdem ist ihr Chorraum für eine Dorfkirche auffallend lang, so daß man vermuten kann, daß hier vielleicht einst das Chorgestühl eines Stifts oder Klosters stand.



Man kann die Baugeschichte "lesen":






Es handelt sich um die ursprünglich dem heiligen Petrus geweihte, z. Zt. protestantische Christuskirche in Hochemmerich, die wir hier "Alt-St. Peter" nennen, denn in Rheinhausen gibt es auch eine neue, katholische St. Peter-Kirche (siehe "Gemeindebezirk St. Peter"; Bilder unten).


Wir befinden uns an der antiken Straße von Rom nach London, auf der schon der heilige Viktor und die Thebäische Legion (falls es sie gegeben hat) unterwegs waren. Von daher ist es fast erstaunlich, daß hier eine erste Holzkirche "erst" im 8. Jahrhundert nachweisbar ist - ein eher für die rechte Rheinseite übliches Datum.


893 wird eine Kirche im Werdener Urbar verzeichnet. Die heutige Kirche ist im 15. Jahrhundert erbaut. Das Untergeschoß des Turmes stammt noch vom (romanischen?) Vorgängerbau.


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Ein "kurzer chronologischer Überblick" der Christuskirche informiert (Auszug mit Ergänzungen):


Im 8. Jahrhundert wird an der Stelle der heutigen Christuskirche eine kleine Holzkirche errichtet, die spätestens im 9. Jahrhundert in Stein erbaut wird. Im Jahre 893 taucht der Name "Embrikni" (Hochemmerich) im Güterverzeichnis der Abtei Prüm (Eifel) auf. (...) 898 bestätigt (der später heiliggesprochene) König Zwentebold von Lothringen der Abtei Werden an der Ruhr die Schenkung der Kirchdörfer von Friemersheim und Hochemmerich. Dieses Dokument geht zurück auf die sogenannte "Karlsurkunde", in der Karl der Große zwischen 809 und 814 Bischof Hildegrim I. von Münster (den gibt es nicht; vermutlich ist dieser Abt von Werden gemeint) den Königshof von Friemersheim (samt Hochemmerich) schenkt. Bei dieser Urkunde handelt es sich vermutlich um eine Fälschung. 


Die älteste schriftliche Überlieferung einer Kirche in Hochemmerich findet sich im Werdener Urbaren (sic!), wo um 900 ausdrücklich von einer "ecclesia" (Kirche) die Rede ist. Am 1. Juni 1317 wird die Kirche durch (den Kölner) Erzbischof Heinrich II. von Virneburg in die Werdener Abtei inkorporiert. 


Die erste Bautätigkeit an der Kirche wird mit einem Inschriftenstein, der zur Jahrhundertwende noch einen Strebepfeiler des Chores zierte, (für) 1447 oder 1497 belegt. Hierbei wird der Chor neu errichtet und ein südliches Seitenschiff gebaut. Diese Grundsteinlegung könnte durch die Folgen eines schweren Unwetters notwendig geworden sein, das am 11. Juni 1496 "nachmittags um fünf" einsetzt und den Kirchturm (...) zum Einsturz bringt.


Die Anfänge der Reformation in Hochemmerich können für das Jahr 1543 angesetzt werden, als der calvinistisch gesinnte Kaplan Johann in der Gemeinde tätig wird. Der erste protestantische Pfarrer ist Martin Hovius, der 1563 in sein Amt eingeführt wird. 


Spanische Truppen, die 1586 die Grafschaft Moers besetzen, bemächtigen sich der Kirchenglocke. Diese kann der damalige Pfarrer Nikolaus Latomus gegen ein Fass Wein aber zurückerlangen. Obwohl das Kirchengebäude bereits zu dieser Zeit durch die Besatzung erheblichen Schaden nimmt - so wird hier beispielsweise ein Wachhaus eingerichtet -, kommt es zwischen 1640 und 1642 zu noch größeren Zerstörungen. Hessisch-weimarische Truppen rauben die Glocken und verwüsten die Kirche. 


Da die Gemeinde völlig verarmt ist, können grundlegende Renovierungsarbeiten erst 1688 in Angriff genommen werden. Nun wird an der Nordseite ein Seitenschiff angebaut, der Chor mit bunten Fenstern geschmückt (in einer calvinistischen Gemeinde?) und die barocke Kanzel errichtet. Zudem stiftet die Synode zwei neue Glocken. Wahrscheinlich hält nur wenige Jahre später die neue "Weidtmann-Orgel" Einzug in die Kirche.


Am 24. 12. 1740 kommt es im Rheinhausener Raum zu katastrophalen Überschwemmungen, bei denen auch die Hochemmericher Kirche "voll waszer" läuft. Der Weihnachtsgottesdienst muss 1740 darum im Freien abgehalten werden.


Ein heftiger Sturm wirft 1760 die Haube des Turmes ab, der bald darauf wieder errichtet wird und 1789 mit zwei kleinen Anbauten, die als Spritzenhaus und Schule Verwendung finden, erweitert wird. 


1967 und 1968 wird die Christuskirche grundlegend renoviert. Die Empore im Chorraum (!) wird entfernt, im Turmbereich eine neue eingebaut. Die Kirche erhält einen komplett weißen Innenanstrich. In das barocke Orgelgehäuse von Peter Weidtmann wird von der Firma Stahlhut aus Aachen ein neues Orgelwerk mit 20 Registern eingebaut.


2003 wird aus dem (2000 geplanten) Anstrich eine Sanierung und Umgestaltung des Innenraumes im Sinne des ursprünglichen Bauwerks: Sie turmseitige Empore wird wieder entfernt und so der Mitteleingang der Kirche wieder möglich. Die Bänke werden umgestellt, so dass wieder ein Mittelgang entsteht, die Abtrennung des Chorraumes durch die halbhohe Mauer wird entfernt.


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Drei in die Mauern eingelassene Steinkreuze sind rätselhaft und "erzarchaisch":





Das spätmittelalterliche Obergeschoß des Turmes wirkt beinahe klassizistisch:



Natürlich wollte ich die Kirche auch von innen sehen. Das Gemeindebüro vermittelte mich an einen Pfarrer, der an Alt-St. Peter Dienst tut und freundlicherweise zu einem Treffen gleich am nächsten Tag bereit war (Danke!). Hier Bilder aus dem Inneren - wegen des calvinistischen Bekenntnisses gibt es außer der Architektur nicht viel zu sehen:



Der erwähnte lange Chorraum, der, wie gesagt, nach einem Chorgestühl für eine geistliche Gemeinschaft (Stift/Kloster) "schreit", worüber aber nichts zu finden ist - vielleicht hat ja ein reicher Stifter einfach mal etwas spenden wollen. Das Gewölbe mit den breiten Gurtbögen und die Wände ohne "Dienste" (= Säulen, die die Gewölberippen tragen) wirken eher niederheinisch-barock als spätgotisch:




Spätgotisches "Netzgewölbe" in den Seitenschiffen:





Rheinhausen ist als solches erst durch das Stahlwerk von Krupp entstanden und zur Stadt geworden. Krupp ist weg, die "Schönheit" der rationalen Bebauung aber noch erhalten, deren Qualität mit der Zeit abgenommen hat:




Hier geht es zum "Zentrum" von Rheinhausen - auch schön ("Woanders ist auch scheiße"):



Von hier aus geht es nach rechts über die Petristraße (!) zu "Neu-St. Peter", der katholischen Kirche:





An der alten Römerstraße (rechts gehts nach Rom, links nach Londinium). Ob der heilige Viktor hier schon einen Döner gegessen hat, ist nicht überliefert. 



PS. Der erwähnte Pfarrer hat mir erzählt, daß ein Kirchenführer über die Christuskirche / Alt-St. Peter in Bearbeitung ist. Wenn ich neue Informationen erhalte, werde ich diesen Beitrag aktualisieren.


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