Montag, 31. Oktober 2022

Korrespondenz mit "Zeugen Jehovas"

Zum Tod unserer Mutter hat ein mir unbekanntes Ehepaar von den "Zeugen Jehovas" kondoliert. (Den Brief und dessen Anlage findet man unten.) Meine Antwort (z. T. ergänzt):


Sehr geehrte Eheleute N.!


Herzlichen Dank für Ihre Anteilnahme am Tod unserer Mutter. Ich freue mich, daß Sie uns geschrieben und Ihre religiösen Überzeugungen als Trost ans Herz gelegt haben, obwohl wir uns nicht kennen.


Ihr Einsatz für Gottes Reich bewegt mich. Bitte erlauben Sie mir gerade deshalb einige freundlich gemeinte Anmerkungen zur Ihrer Auffassung von der Bibel und den in der Beilage erwähnten „Forschungsergebnissen“. [Anmerkung 1; siehe unten]


Die (christliche) Bibel ist ein Buch der Kirche. Die frühchristlichen Gemeinden haben im Gottesdienst das Alte Testament, Evangelien, die Apostelgeschichte, -briefe und die Offenbarung gelesen. Dabei kamen mehr als die klassischen vier Evangelien wie auch weitere Schriften in Gebrauch. Im kirchlichen Konsens haben bischöfliche Synoden (Rom 382, Hippo 393, Karthago 397 [2]), vom Heiligen Geist geleitet (vgl. Mt 18,18 in Verbindung mit Joh 20,22), aus diesen Schriften das Neue Testament kanonisiert. (Das Alte Testament samt „Apokryphen“, die zur Zeit Jesu gebräuchliche Version der jüdischen Bibel [Septuaginta], wurde dabei selbstverständlich übernommen.) Die Kirche hat diesen verbindlichen „Kanon“ für die Feier des Altarsakraments (Messe, Eucharistie, „Abendmahl“), das liturgische Gebet, das Studium und die geistliche Lesung festgelegt, um den Christen eine authentische Begegung mit dem fleischgewordenen Sohn Gottes zu ermöglichen, dessen Leib sie ist. [3]


Das geschah aus der Erkenntnis und zum Lob der göttlichen Dreifaltigkeit, die in Jesus Christus offenbar geworden ist (vgl. Joh 10,30 in Verbindung mit Mt 28,19; siehe auch Kol 1,19; 2,9 und Röm 8,9; siehe auch Didaché/Apostellehre [2. Jh.] 7,1). Der katholische Glaube an die göttliche Dreifalitgkeit ist also vom Ursprung her zweifelsfrei belegt. Die Kirche hat ihn freilich erst später wegen aufkommender Irrlehren im „Apostolicum“ und dann im „Nicaenoconstantinopolitanum“ dogmatisieren müssen.

 

Der Versuch Ihrer Gemeinschaft, die Bibel ohne diesen Entstehungs- und Deutungszusammenhang angeblich „wissenschaftlich“ zu verstehen, führt zwangsläufig zu Irrtümern, wie wenn man ein Gedicht auf seine naturwissenschaftliche Richtigkeit prüft und so seinen Sinn verfehlt.

 

Ein solcher Irrtum liegt z. B. bei den von Ihnen erwähnten „Forschungsergebnissen“ Ihrer Gemeinschaft vor, nach denen nur 144.000 Menschen in den Himmel kommen [4] und alle anderen in einem irdischen Paradies leben würden. Das widerspricht ja zunächst der Vernunft, können doch unmöglich alle Menschen, die je auf der Erde gelebt haben und leben werden – abzüglich der 144.000 –, zeitgleich auf ihr Platz finden. (Der heilige Paulus schreibt in Phil 3,20: „Unsere Heimat ist im Himmel.“)


Es widerspricht vor allem dem angemessenen, kirchlichen Verständnis der Bibel: Es geht ihr um persönlich-herzliche Gottesbeziehung, Gnade, Umkehr, Heil und Leben, um geistlichen Gewinn, nicht „wissenschaftliche Erkenntnisse“. „144.000“ bedeutet z. B. „12x12x1000“, ist also nicht numerisch, sondern zahlensymbolisch gemeint. [5] Vergleichen Sie dazu Apg 19,7 („Es waren im Ganzen ungefähr zwölf Männer“): Es geht offenkundig nicht um die exakte Zahl, sondern um das Symbol der zwölf Stämme Israels, also die Fülle des Gottesvolkes. So ist ja auch „siebzigmal siebenmal“ in Mt 18,22 nicht als „490mal“, sondern als „immer“ zu verstehen.


Die Bibel ist ein geistliches Buch und nicht zum „Ausrechnen“ von Zahlen und zukünftigen Ereignissen gemeint. Wenn Sie solches versuchen, ignorieren Sie ihren Sinn, machen sich verbotenerweise ein „Bild“ von Gott (vgl. Ex 20,4 [6]), engen ihn in seiner göttlichen Größe und Freiheit ein und versperren sich so den wahren, geistlich-heilsamen Zugang. Das könnte Ihrem Seelenheil schaden (vgl. im übertragenen Sinn Mk 4,24). Darum schreibe ich Ihnen diese Zeilen in der Hoffnung, daß Sie sich der befreienden Wahrheit öffnen können. (Vgl. 2Kor 3,6: „Der Buchstabe tötet, der Geist aber macht lebendig.“)


Ihre Glaubensgemeinschaft ist vergleichsweise jung und gründet auf persönlichen „Erkenntnissen“ „Ernster Bibelfolscher“, die behaupten, was die Kirche seit jeher gelehrt hat, sei falsch. Mit klarem Verstand kann man sich dem nicht anvertrauen. Daß Gott nach dem angeblichen Abfall der Kirche bis zur Gründung Ihrer Gemeinschaft seine geliebten Kinder jahrhundertelang in die Irre gehen lassen und über seinen „Vorsatz“ mit ihnen in Unkenntnis gelassen hätte, ist eine wirre These, die Gott in seiner Güte beleidigt und jeder lebendig-authentischen Erfahrung mit ihm hohnspricht.


Vor seiner Himmelfahrt hat der Herr zu seinen Aposteln gesagt: „Euch steht es nicht zu, Zeiten und Fristen zu erfahren, die der Vater in seiner Macht festgesetzt hat. Aber ihr werdet Kraft empfangen, wenn der Heilige Geist auf euch herabkommen wird; und ihr werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an die Grenzen der Erde.“ (Apg 1,7f) Der Sohn Gottes fordert uns nicht dazu auf, sogenannte „wissenschaftliche Erkenntnisse“ aus der Bibel „herauszulesen“, sondern den Heiligen Geist zu empfangen, d.h. den lebendigen Gott wirken zu lassen, und seine (Christi) Zeugen in der Welt zu sein (vgl. auch Lk 12,10).


Übrigens: Vertrauen Sie bitte nicht auf die „Neue-Welt-Übersetzung“! Die Verantwortlichen Ihrer Glaubensgemeinschaft, die sich ja auf angeblich „erforschte“ Erkenntnisse aus der Bibel beruft, haben sie gefälscht, um ihren Irrtum zu verteidigen. Sie führen damit wissentlich, starrsinnig und hochmütig Menschen in die Irre. Man sollte sie darauf hinweisen, daß sie damit vielleicht sogar gegen den Heiligen Geist sündigen, was für sie gemäß der Bibel unangenehme Folgen hätte (Mk 3,29; Mt 12,31-32; vgl. Jak 5, 20).


Zwei Beispiele für Fälschungen der NWÜ: 


- In Joh 1,1 heißt es laut NWÜ (deutsch): „Und das Wort war ein Gott.“ Im griechischen Urtext heißt es: „κα θες ν  λγος.“ Wörtlich: „Und Gott war das Wort.“ Mit „λγος/Wort“ ist Jesus gemeint, wie aus Joh 1,14 deutlich wird. Um den urchristlichen Glauben an die göttliche Dreifaltigkeit zu leugnen, macht die NWÜ Jesus lieber zu „einem“ weiteren Gott neben dem Vater. Das ist ein unchristlicher und unbiblischer Irrglaube.


- In Mt 26,26 heißt es in der NWÜ (deutsch): „Nehmt, eßt. Dies bedeutet meinen Leib.“ Im griechischen Urtext heißt es: „λβετε φγετε, τοτ στιν τ σμ μου.“ Wörtlich: „… dies ist mein Leib.“ Die NWÜ versperrt durch diese Fälschung den Zugang zum Sakrament des Altares, das die Mitte der Kirche ist. [7]


Auch der von Ihnen gebrauchte Gottesname „Jehova“ ist ein Irrtum, ironischerweise ein „katholischer“ aus dem 14. Jahrhundert. Er verbindet die Konsonanten des Gottesnamens „JHWH“ (יהוה = „Ich-Bin“) mit den Vokalen des Wortes „Adonai“ (אֲדֹנָי = „mein[e] Herr[en]“). Diese Vokale stehen in der ursprünglich ohne Vokale geschriebenen hebräischen Bibel unter „JHWH“, weil die Juden den Gottesnamen nicht aussprechen (auch Jesus hat das nicht getan), da das eine Gotteslästerung wäre. Wo „JHWH“ steht, sagte man „Adonai“ („Herr“). [8] Es sieht nur wie „Jehova“ aus. Das ist also gewiß nicht Gottes Name.

 

Die „Forschungsergebnisse“ Ihrer Gemeinschaft erscheinen mir bedauernswert dünkelhaft, ungeistlich und trostlos. Darum empfehle ich Ihnen, dem Heiligen Geist zu vertrauen und sich der lebendigen Tradition der Kirche zu öffnen. Wir Katholiken erfahren den lebendigen Gott sakramental gegenwärtig, heilbringend, belebend, stärkend und liebevoll wirkend. Wir erwarten – jetzt schon voll Freude – am Ende der Welt und unseres irdischen Lebens ein heilsames Gericht und die beseligende Gottesschau, keinen unbarmherzigen Weltkrieg Gottes („Harmagedon“), bei dem er selbst unschuldige Kinder nicht verschonen wird, wie Ihre Gemeinschaft lehrt. 

 

Christus ist wahrer Gott und wahrer Mensch, darum ist er meine Hoffnung auf Herrlichkeit. Ihm kann ich mit Herz und Verstand aufrichtig in seiner Kirche folgen und dienen. Darum bin ich gern und überzeugt katholisch. Wenn ich Ihnen als schwacher und sündiger Mitmensch und „Halbbruder in Christus“ aus der Trostlosigkeit helfen kann, die aus Ihrem Schreiben spricht, tue ich das gerne und freue mich auf Ihre Antwort.

 

Als Anregung lege ich Ihnen einen Text des heiligen Bernhard bei, an dem Sie sehen können, wie man als Christ – traditionell und „wirklich“ – aus der Bibel schöpfen kann. Er wird Ihnen fremd erscheinen, ist aber guter, da bewährter Einstieg.

 

Von Herzen Gottes Segen für Sie erbittend grüße ich Sie freundlich.



Anlage:

Bernhard von Clairvaux (+ 1153), Aus einer Predigt über den Aquädukt


________________________


[1] Freunde haben mir davon abgeraten, Ihnen zu schreiben, weil dies eine vergebliche Mühe sei, da die „Zeugen Jehovas“ für solche Argumente nicht empfänglich seien. (Das seien „Perlen vor die Säue“.) Ich tue es dennoch aus menschlichem Anstand, Nächstenliebe und katholischer Aufrichtigkeit.


[2] d. h. nach dem von Ihrer Gemeinschaft unterstellten Abfall der Kirche von ihrem Ursprung nach dem Tod des letzten Apostels bis zum Ersten Nicänischen Konzil (325). Sie argumentieren also mit der Bibel einer angeblich „korrumpierten“ Kirche.


[3] Das „Graduale Romanum“, das seit frühchristlicher Zeit zusammengestellte, authentische Gesangbuch der Kirche für die Heilige Messe, besteht fast ausschließlich aus biblischen, meist alttestamentlichen Texten. Es zeigt, wie die Kirche die Bibel auf das Geheimnis der Menschwerdung Gottes und das Sakrament des Altares hin liest. Ein willkürlich herausgegriffenes Beispiel: Das Offertorium (= Gesang zur Bereitung der Gaben zum „Abendmahl") vom 31. Sonntag im Jahreskreis zitiert Ps 102(103), 2.5: „Preise den HERRN, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat! Der dich dein Leben lang mit Gaben sättigt, wie dem Adler wird dir die Jugend erneuert.“ Die Kirche „legt“ diese Worte zur Opferung der Gaben dem sich opfernden Christus „in den Mund“, und macht sie zu ihrem eigenen Gebet. Das Bibelzitat wird so zu einer Bitte, daß die Christen durch die Teilnahme am Altarsakrament mit Christus Anteil an der ewigen „Erneuerung der Jugend“ (= Auferstehung und ewigem Leben) erlangen.


[4Es wird ja nicht deutlich, ob die 144.000 aus Offb 7,4 („aus allen Stämmen der Söhne Israels“ = Juden) gemeint sind oder die aus Offb 14,3f („die von der Erde weg freigekauft sind“ und „dem Lamm folgen“ = Christen). Die Zahl ist offenkundig „offener“, anders, geistlich gemeint.


[5Die Argumentation Ihrer Gemeinschaft in dieser Sache ist mir bekannt, trifft aber nicht zu, wie hier hoffentlich deutlich wird.


[6Gemeint ist der übertragene, geistliche Sinn des Verbots, sich kein „Kultbild“ (NWÜ: „geschnitztes Bild“) zu machen, nämlich Gott nicht auf menschliche Vorstellungen zu reduzieren.


[7„Dennoch ist die Liturgie der Höhepunkt, dem das Tun der Kirche zustrebt, und zugleich die Quelle, aus der all ihre Kraft strömt. Denn die apostolische Arbeit ist darauf hingeordnet, daß alle, durch Glauben und Taufe Kinder Gottes geworden, sich versammeln, inmitten der Kirche Gott loben, am Opfer teilnehmen und das Herrenmahl genießen.“ (Zweites Vatikanisches Konzil, Konstitution über die heilige Liturgie 10) Vgl. auch Anmerkung 3.


[8Heute sagen die Juden übrigens „הַשֵׁם“, „ha-Schem“ = „der Name“.



Hier der Brief, auf den ich antworte:



Hier die Anlage zu diesem Brief:



Die Antwort auf mein Schreiben:




Meine Antwort auf die Antwort:


Nicht sollen zuschanden werden durch mich, die auf dich hoffen, 

Herr, GOTT der Heerscharen,

nicht sollen durch mich beschämt werden, die dich suchen, 

du Gott Israels.

(Ps 68 [69], 7)


Sehr geehrte Eheleute N.!


Danke für Ihr Schreiben vom 26. November. Meine Kritikpunkte erwidern Sie nur durch die Wiederholung von Lehren Ihrer Glaubensgemeinschaft und Zitaten aus der NWÜ. Auf meine Argumente gehen Sie kaum oder gar nicht ein, sondern zitieren z. B. in Bezug auf den falschen Gottesnamen die gefälschte NWÜ (ein logischer Widerspruch). Bei Bedarf widerlege ich Ihr Schreiben Punkt für Punkt, auch die Beilage zu den angeblich erfüllten Prophezeiungen. Das aber wäre jetzt vergebliche Mühe. Und das schmerzt mich.


Ich weiß nicht, was Sie in diese geistliche Unberührbarkeit und zu diesem pseudowissenschaftlich-lexikalen Bibelverständnis gebracht hat. Ist es der Wunsch nach trügerischer Sicherheit? Vermutlich haben Sie bei den „Zeugen Jehovas“ einen Halt gefunden. Der aber ist ein Trug, der das Opfer fordert, die Vernunft auszuschalten.


Aus Ihren Schreiben habe ich den Eindruck gewonnen, daß Sie sich zwar ernsthaft und fromm für Gottes Reich einsetzen, Gott dabei aber auf Ihre „Erkenntnisse“ eingrenzen und ihn (und die Bibel) zu einem Götzen, einem Zerrbild des Lebendigen machen. Ihr Herz ist verstockt.


Gottes Wege sind unergründlich und viel weiter, lebendiger und schöpferischer als die des unbarmherzig-starren Götzens, der aus Ihren „Studien“ der Bibel entstanden ist. Er wird nach kirchlicher Lehre sogar die frommen „Zeugen Jehovas“ zum Heil führen, die mit gutem Gewissen in ihrem Irrtum verharren.


Möge Gott, der alle seine Kinder liebt, Ihren Eifer für sein Reich lohnen, Sie – jetzt oder beim Jüngsten Gericht – von diesem freudlosen Irrtum befreien und Ihre unsterblichen Seelen mit dem beseligenden Licht seiner Wahrheit erleuchten! 


Zum Weihnachtsfest wünsche ich Ihnen von Herzen den Segen des menschgewordenen Gottessohnes, der am Kreuz den Vater gebeten hat: „Vergib ihnen; sie wissen nicht was sie tun“. 


Schauen Sie bitte auf das Bild des Gottessohnes in der Krippe und lassen Sie Ihr Herz von ihm berühren! („Cor ad cor loquitur“ – „Das Herz spricht zum Herzen“ [Hl. John Henry Newman]) Da kommt die göttliche Wärme auf, die ich in Ihren Schreiben vermisse.


Ich bete für Sie und grüße Sie herzlich.


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Mittwoch, 19. Oktober 2022

Ehrenstein (Westerwald): Klosterkirche St. Trinitatis

Im nördlichen Westerwald liegt - herrlich verborgen - das Kloster Ehrenstein, dessen Kirche St. Trinitatis einst Kapelle der Unterburg von Burg Ehrenstein war und 1477 von Ritter Bertram von Nesselrode ausgebaut und zur Pfarrkirche erhoben wurde. 1486 gründeten Chorherren des Kreuzherrenordens hier das Kloster Liebfrauenthal; das Gotteshaus wurde so auch zur Klosterkirche.


Die Burg wurde im Dreißigjährigen Krieg zerstört, das Kreuzherrenkloster nicht. Es wurde erst 1812 auf Bitten des Konvents (!) säkularisiert. 1893 siedelten sich hier Franziskaner an. 1953 kehrten die Kreuzherren wieder. 1969 wurde das Kloster aufgegeben und wegen Baufälligkeit zum Teil neu errichtet. Die Kreuzherren kehrten erneut zurück, verließen das Kloster aber 1998. 1999-2007 lebten hier Patres des Ordens der Montfortaner. 2008 übernahmen die Franziskanerinnen aus Waldbreitbach die Klostergebäude und erweiterten sie als Tagungsstätte.


Informationen hier, hier und hier.






Die im Dreißigjährigen Krieg zerstörte Oberburg:

An diesem Haus lautet die (moderne) Inschrift: "Haltet fest am guten Alten, daß Ihr Zukunft könnt gestalten".




Neugotischer Hochaltar:



Levitensitz, Chorgestühl und Seitenaltäre sind klassizistisch:



Vermutlich ist der spätgotische Chorraum beim Ausbau 1477 entstanden.



Vor dem Chor befindet sich im recht schlichten, also vermutlich älteren Kirchenschiff, das die alte Burgkapelle sein dürfte, ein Tabernakel, heute viel zu weit vom Altar entfernt. Ich vermute darum, der Altar der alten Burgkapelle stand vor einer Ostwand, wo sich heute der Chorbogen befindet.  



Im Tabernakel befinden sich heute ein Ziborium, (vermutlich) heilige Steine und Nägel:  



Da die Kirche auf der Nordseite (zur Oberburg hin) recht schmal ist, hat man den Marienaltar (in klassizistischer Zeit) schräg gestellt. Er birgt nicht nur eine gotische Pietà mit Engeln, sondern auch den mittelalterlichen Altarblock:



Ebenfalls aus der mittelalterlichen Ausstattung stammt diese Strahlenkranzmadonna, die vielleicht früher einen Leuchter im Kirchenschiff gekrönt hat und heute an der Nordwand angebracht ist. Die Gottesmutter und der Heiland sind gut im Futter: 



Gräber der Grafen von Nesselrode vor dem Chorraum, die auch die Chorfenster gestiftet haben:  



Die Orgel im neugotischen Gehäuse (keine Informationen) scheint in jüngerer Zeit renoviert worden zu sein:  



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Freitag, 7. Oktober 2022

Stiftskirche Cappenberg - Gottfried, die Prämonstratenser und Kaiser Barbarossa


Graf Gottfried von Cappenberg hatte sich beim Investiturststreit gegen den Kaiser für die Seite des Papstes entschieden und bei dieser Gelegenheit den Dom zu Münster abbrennen lassen. 


Büßend und obwohl wirtschaftlich hoffnungsvoll mit Jutta/Ida von Arnsberg verheiratet, entschloß er sich, der Predigt des heiligen Norbert von Xanten zu folgen, Prämonstratenser zu werden und auch seine Frau - gegen deren Willen - ins Kloster zu schicken, aus dem sie übrigens nach Gottfrieds Tod wieder austrat und heiratete.


Gottfried schenkte seine Burg dem neuen Orden. Sie wurde zum ersten Prämonstratenserkloster in Deutschland und die Cappenberger Farben zum Wappen des Bistums Münster. 


Gottfrieds Bruder Otto ist Taufpate des um 1122 getauften späteren römischen Kaisers und deutschen Königs Friedrich I. (Barbarossa) und wurde 1156 dritter Propst von Cappenberg.


Gottfried ist 1127 in Ilbenstadt gestorben. Cappenberg konnte 1148 den unteren Teil seines Leibes "heimholen" und Chorraum beisetzen. Otto starb 1171 in Cappenberg und wurde neben den Teilen seines Bruders beigesetzt.


Vor 1158 schenkte Kaiser Barbarossa dem Kloster zum Dank für seine Taufe in Cappenberg ein Johannes-Reliquiar in Gestalt eines Kaiserkopfes, das neben dem Haar des hl. Evangelisten Johannes eine Partikel des heiligen Kreuzes, eine vom Stab Aarons und viele weitere Reliquien enthielt, und eine Taufschale mit einer Darstellung seiner Taufe.


Die romanische Stiftskirche ist bis auf den heutigen Tag erhalten - nicht zuletzt wegen des ehemaligen preußischen Ministers und Protestanten Heinrich Friedrich Freiherr vom und zum Stein: Er erwarb das Kloster 1816 nach der Säkularisierung und sorgte dafür, daß die Kirche vor dem Abriß bewahrt, wiederhergestellt, dem Staat Preußen übergeben und - mit einem katholischen Priester ausgestattet - zur Pfarrkirche wurde. Heute gehört das Kloster samt Gelände (außer der Kirche) den Grafen von Kanitz (Cappenberger Linie).


Informationen hier, hier und hier. Seite der Kirchengemeinde - Geschichte


Bilder:








Romanisches Triumphkreuz (Arme modern ergänzt):



Vor dem Chorgestühl befinden sich die Retabeln des Kreuz- und des St.-Nikolaus-Altares. Man hat sie bei der letzten Renovierung modern gerahmt und die Altäre darunter (sie stammten von der vorletzten Renovierung) durch "Altar-Andeutungen" ersetzt:




Das Chorgestühl ist prächtig:



Hochaltar und Apsisfenster stammen zwar "nur" aus dem 19. Jahrhundert, sind aber wirkungsvoll:




Figur des heiligen Stifters Gottfried im Hochaltar:



Chorgestühl und Kirchenschiff von Osten:


Vor dem Altar stehen zwei spätgotische Bronzeleuchter. Der nördliche ist der Kreuzigung, der südliche der Auferstehung Christi gewidmet:






An der südlichen Chorwand: Grabplatte (um 1320) für Gottfried und Otto, einst über deren (teilweisem) Grab in der Mitte des Chors, im Barock zu einem Epitaph umgewandelt. Die beiden Geistlichen (!) sind als Grafen dargestellt und tragen, hochgotisch-lächelnd, als Stifter ein Kirchenmodell in den Händen:



Gegenüber das ehemalige Sakramentshaus, das nun Gebeine von Gottfried und Otto birgt:



Auch die (erste) Grabplatte Gottfrieds (nach 1148; heute im Südquerhaus) zeigt ihn bemerkenswerterweise in gräflicher Kleidung. Darunter trägt er allerdings den Prämonstratenserhabit, den man an den Knöpfen auf seiner Brust erkennt. 


In seiner rechten Hand hält er ein sonderbar geformtes Kreuz. Man vermutet, es ist für das Johannesreliquiar (Barbarossakopf) bestimmt, das genau darauf paßt und vermutlich zu Festen hierauf gestellt wurde:



Dieses Bild der Gottfriedtumba (Kopie im Westfälischen Landesmuseum) mit aufgestelltem Barbarossakopf hat mir ein Leser zugesandt: 



Neben dem Kopf Gottfrieds ist ein Pelikan dargestellt, der mit seinem Blut seine Jungen nährt - ein Symbol für die Eucharistie, die der hl. Ordensgründer Norbert besonders verehrt und 1124 gegen Tanchelm verteidigt hat:



Im Südquerhaus hat man bei der jüngsten Renovierung der Kirche diesen Ort für den Barbarossakopf und die Taufschale (beides in Kopie) und die Reliquien geschaffen, und zwar in einem schrägen Winkel, der genau dem Kreuz auf der Grabplatte Gottfrieds entspricht:



Der Barbarossakopf (Original):



Unten ist das "Fach" zu sehen, in dem die Hauptreliquien vom hl. Kreuz, dem Stab Aarons und den Haaren des hl. Johannes geborgen waren:



Die einst im Kopf geborgenen Reliquien befinden sich heute in drei Schubladen des neu geschaffenen Heiligtums. Hier sieht man das "Häuschen" mit den erwähnten Hauptreliqien:



Die Taufschale (Original):



Dieses Bild vom heiligen Gottfried im Südquerhaus hat die in Cappenberg aufgewachsene Gräfin Anna von Kanitz der Kirche zu deren 900 Jubiläum gemalt und vermacht:




Im Nordquerhaus hat man bei der jüngsten Renovierung offenkundig einen Altar (?) zur Ausstellung eines Retabels wiedererrichtet:



Rollstuhlrampe mit Baumberger Sandstein:



Für das moderne Ambo (vorletzte Renovierung) hatte man noch etwas Altes zur Verfügung:



Blick nach Westen zur Orgel (Caspar Melchior Vorenweg 1788, wiederhergestellt 2002-2004):



Blick ins nördliche Seitenschiff... 



... mit einer Madonna, die vom selben Künstler stammen dürfte wie die oben gezeigte Doppeltumba für Gottfried und Otto (1320):