Mittwoch, 19. September 2018

Ameland - Hollum und Nes


Ameland ist eine westfriesische Insel, die es in sich hat. Nicht nur, daß hierhin im Sommer (heute durchgehend 20.000) Kinder - meist aus dem Bistum Münster - seit über 70 Jahren ins Ferienlager fahren.


Auch die Geschichte der Insel unterscheidet sie von allen anderen Nordseeinseln - von den britischen vielleicht abgesehen: Die Herren von Ameland (die Camminghas) verstanden es, nicht nur ein hartes Regiment über die Inselbewohner zu führen, sondern auch in der Reformation die Religionsfreiheit (Ameland ist die einzige friesische Insel mit einer durchgehend existierenden katholischen Gemeinde!) und in der Zeit der Seekriege zwischen den Niederlanden und England Neutralität zu bewahren. Erst später wurde der Statthalter/König der Niederlande auch Herr von Ameland.

Die Insel hat heute vier Orte: Hollum, Ballum, Nes (mit kurzem "e") und Buren ("Büren"). Sier im Westen und Oerd ("Urd") im Osten sind untergegangen. Der Westen ist mit Hollum und Ballum zur Reformation übergegangen (keine katholische Kirche mehr), der Osten (Nes und Buren) in Teilen katholisch geblieben - freilich mit einer Zeit des Lebens im augenzwinkernd geduldeten Untergrund, aber nach Wiederherstellung der Hierarchie mit einer katholischen Kirche. 

Die Herren von Ameland duldeten weiter einen katholischen Priester, der eigentlich 1587 hätte vertrieben werden müssen, aber 1610 noch auf der Insel wohnte. Nachdem dessen Vertreibung sich nicht mehr weiter hatte vermeiden lassen, dauerte es nur vier Jahre, bis der Jesuitenpater Gerardus Carbonel von Sicco van Cammingha im Schloß von Ballum empfangen wurde und die Erlaubnis erhielt, katholische Gottesdienste zu halten. Dies geschah (auch), um eine möglichst große Unabhängigkeit im Konflikt zwischen den protestantischen Niederlanden und dem katholischen Spanien zu bewahren.


1627 erlangten die Ameländer Katholiken unter Pieter van Cammingha die volle Religionsfreiheit. In der Zeit der Jesuiten feierte der katholische Gemeinde die Sakramente nicht mehr in einem Kellergewölbe an der heutigen Torenstraat in Nes, sondern (gut katholisch!) in einer Bierbrauerei am Ballumer Weg, die die Gemeinde erwerben und zu einer Kirche umbauen konnten. Dort befindet sich bis heute der sogenannte Jesuitenfriedhof, auf dem allerdings nur ein einziger Jesuitenpater begraben liegt; die anderen zogen es vor, auf dem Festland beigesetzt zu werden.


Der Ursprung der Kirche von Nes liegt auf dem Gebiet des Gemeindefriedhofs: Hier stand die (katholische) Pfarrkirche St. Johannes Baptist, wohl einst Hauptkirche der Insel. Die ältesten ergrabenen Funde weisen auf das 11. oder 12. Jahrhundert. Dieses "kleinste Kapellchen der Niederlande" wurde später durch eine größere Backsteinkirche ersetzt, von der aber 1665 berichtet wird, daß sie verfallen sei. Mitte des 18. Jh. wurden die Reste abgeräumt. Ganz in der Nähe wurde später die heutige katholische Kirche St. Clemens errichtet, bei der sich der dritte Friedhof von Nes befindet. Man hat das alte Täuferpatrozinium merkwürdigerweise nicht aufgegriffen. Ob das an den in Nes starken Mennoniten (Wiedertäufer) lag oder man den Schifferpatron und Papst Klemens unschlagbar attraktiver fand, ist mir nicht bekannt.
 (Unten mehr dazu.)

In Hollum, Ballum und Nes gibt es mehrere protestantische, sagen wir mal, Kirchen: "hervormde" (calvinistische Staatskirche), "gereformeerde" ("altreformierte") und "doopsgezinde" (Wiedertäufer, Mennoniten). Nes hatte schon vor der offiziellen Einführung der Reformation eine mennonitische (täuferische) Bewegung, die sich von den als "Sakramentarier" bezeichneten Lutheranern abspalteten, und später gleich drei dieser Gemeinden unterschiedlicher "Härte": Die "ein wenig liberalen" Waterlanders, die mittelstrenge Foppe-Ones-Gemeinde und die strenge Jan-Jacobs-Gemeinde. Diese drei mennonitischen Gemeinden haben sich 1804 und 1854 miteinander und dann auch mit den "Gerefomeerden" zusammengeschlossen. Die Hervormde Kerk auf Ameland ist calvinistisch wie die in den ganzen Niederlanden, hat sich aber erst 1816 der Niederländisch Reformierten Kirche angeschlossen. Wir fassen zusammen: Die Calvinisten waren hier die "Konservativen" oder Gemäßigten. Tststs...

Inzwischen haben sich die verschiedenen protestantischen Denominationen in den Niederlanden zur "Protestantse Kerk" vereint - jedenfalls finanziell. Der aushängenden Gottesdienstordnung und Schildern an den Kirchen ist zu entnehmen, daß auf Ameland nur die Wiedertäufer und die Altreformierten, nicht aber die "Hervormden" (=Staatscalvinisten) ihre "Kirchen" teilen, die Gottesdienste sich aber - bei gelegentlichem Kanzeltausch - fein getrennt an die alten Konfessionen richten. (Gemeindeseite der Wiedertäufer und Altreformierten auf Ameland)

Bei einer Fahrt nach Hollum, dem ältesten Ort der Insel, konnte ich die Wiedertäuferkirche besuchen. Die "Doopsgezinden" nennen ihre Kirchen übrigens "Vermaning" (Ermahnung), was auf die Spaßfreiheit ihres Kultes schließen lassen dürfte. Ein Taufbecken habe ich in den Kirchen der Täufer übrigens nicht entdeckt. ;-)

Täuferkirche in Hollum:


Die Stufen in marmorartiger Bemalung unter der zentralen Kanzel erinnert den katholischen Besucher an das Suppedaneum eines Altares.


Die historisch und "ökumenisch" wichtigste Kirche ist die im 14. Jahrhundert gegründete "hervormde kerk" in Hollum, ehemals St. Magnus (siehe auch hier), da als katholische Kirche erbaut; die einzige erhaltene vorreformatorische Kirche auf Ameland. Sie  wurde bemerkenswerterweise dem Heiligen Magnus von Trani (Apulien) geweiht.



Das Innere ist natürlich für den katholischen Besucher sehr karg. Im ausliegenden Kirchenführer liest man aber, daß vor der Renovierung in den 1970er Jahren die Kanzel an der Südwand stand, die Bänke halbkreisförmig darum und im ehemaligen, dann abgetrennten Chorraum an einem Tisch das "Abendmahl" gehalten wurde (selten natürlich, da calvinistisch).


Daß aber protestantische Edle sich nach alter katholischer Tradition in ebendiesem Chorraum vor dem (nicht mehr bestehenden) Altar beisetzen ließen, läßt doch tiefe Schlüsse zu. :-)


In der zeichenarmen calvinistischen "Liturgie" sind die Klingelbeutel zum heiligen Gerät geworden.


Im "Hochamt" bedient man sich vielleicht der alten? 




Eine Besonderheit des niederländischen Staatsprotestantismus ist die vom Parlament herausgegebene Statenbijbel, von der in "St. Magnus" ein altes Exemplar auf dem "Altartisch" und ein noch älteres und prächtigeres auf der Kanzel liegt.


Der ausliegende Kirchenführer erklärt etwas verschämt die "katholisierende" Renovierung der 1970er Jahre als "ökumenisch". Das alte Taufgitter ist damals in den Westen gewandert. In der Mitte steht der alte Abendmahlstisch.



Wie oben erwähnt, hat sich Ameland in Kriegszeiten neutral gehalten - und dafür sogar einen königlichen Freibrief bekommen. Dieser ermöglichte es Ameländer Kapitänen, auch in Zeiten von Seeblockaden und Zollkriegen englische Häfen anzulaufen. Dadurch brach auf der Insel der Reichtum aus. Viele Häuser zeugen bis heute von dieser Zeit - man darf beim Betrachten dieser immer noch kleinen Häuser nicht vergessen, daß wir uns ja eigentlich nur auf einem Sandhaufen am Rand des Wattenmeers befinden... Danach kam die Armut über die Insel - und die schmucken Kapitänshäuser blieben so glücklich erhalten.



Das zum größeren Teil katholisch gebliebene Nes, der heutige Hautort der Insel, ist die Heimat des ehem. Erzbischofs von Utrecht, Johannes Kardinal de Jong, des ersten Inselbewohners, der Priester wurde (ein zweiter folgte). Er wurde 1946 von Papst Pius in das Kardinalskollegium aufgenommen. Seine Titelkirche war San Clemente, vermutlich mit Rücksicht auf den Patron seiner Heimatkirche in Nes.


"Sein Pastor" Otger Scholten hat nach der Wiederaufrichtung der kirchlichen Hierarchie in den Niederlanden die Kirche St. Clemens am Ostrand von Nes erbaut, ganz in der Nähe der ersten Kirche von Nes, St. Johannes.


Die Kirche ist 2013 abgebrannt. Wegen der klammen Finanzen hatte man erwogen, sie nicht wieder aufzubauen. Zum Glück hat man es dann doch getan. Der Außenbau ist, nach den alten Plänen von Cuypers wiederhergestellt, der Portalgiebel ist neu:


Im Inneren hat man sich von "US-amerikanischer" Ästhetik leiten lassen.


Die Gewölbemalereien des Chorraums sind - brandbeschädigt - gesichert worden und wirken im renovierten Bau "altchristlich".



Orgel, Taufbecken und (ein mit immerwährendem Ablaß privilegierter!) Altar sind aus einer aufgelassen Kirche vom Festland übernommen worden.



Westfenster zum Gedenken an Kardinal de Jong.



Das Mosaik vor dem Altar erinnert an einen vom heiligen Willibrord entdeckten und/oder zur Taufe benutzten Brunnen in der Nähe.



Das "Querhaus" besteht aus zwei Pfarrsälen, die bei Bedarf zur Kirche hin geöffnet werden können. Recht niederländisch: Das kopje koffie ruft. 


Die alte Taufkapelle im Nordwesten ist nun Marienkapelle.


Die Marienfigur im Fenster ist dreidimensional, aber eher ein Leichenbild.





Im Dorfkern von Nes findet sich die unauffällige "hervormde (also staatsreformierte) kerk":



Die Giebelinschrift zitiert das Tempelweihegebet von König Salomon - und das, obwohl die "Kirche" ja von ihrer Gestalt her nun wirklich kein Tempel sein will.



Der Dorfturm von Nes wirkt wie ein Kirchturm, und östlich erstreckt sich ein erhöhter Platz ("torrenhoogde"), der danach riecht, daß hier einmal eine Kirche gestanden hat. Hat sie aber nicht.


Nes hatte einst gleich drei mennonitische/doopsgezinde Gemeinden, die inzwischen miteinander und mit der "gereformeerde" = altreformierten Gemeinde fusioniert sind. Hier das älteste und inzwischen einzig erhaltene Gebetshaus der Mennoniten, die "Vermaning" der Waterlanders:



Die Kanzel war gerade wegen Umbauarbeiten abgestützt, der Abendmahlstisch zur Seite gerückt. Wenn ich mal persönlich werden darf: spirituell schon eine Herausforderung, dieser Protestantismus. Einziges "Bild": der Stern über Kanzel/Tisch.




Die Täuferkirchen und ihre Gottesdienste heißen, wie schon erwähnt, "Vermaning" (Ermahnung).


Heilige Geräte in der Sakristei...

 


Westlich von Hollum steht der 1881 aus Gußeisen errichtete Leuchtturm, ...





... von dem aus man die ganze Insel überblicken kann:




Blick nach Hollum:



Bei einem Restaurant ganz in der Nähe stand dieser tolerante Hinweis:


Dazu zweieinhalb niederländisch(-deutsch)e Sprachschmankerl von meinem letzten Aufenthalt auf der Insel:

1. Im Hotel Nobel (das vom berühmten Nobeltje) bat mich ein Kellner: "Gehen Sie schon einmal sitzen; ich komme gleich bei Sie."

2. Ein Hotelier sprach nach dem Frühstück mit zwei älteren Damen und bescheinigte ihnen abschließend: "Het zonnetje schijnt voor U." - getoppt vom Hinweis einer Verkäuferin, daß man beim Kauf dieser Sonnencreme "nog eentje" gratis dazubekomme.

Heerlijk!


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