Samstag, 2. März 2024

St. Marien Bordesholm - Ruhestätte des hl. Vicelin


Informationen aus

- Johannes Hugo Koch, Schleswig-Holstein (DuMont Kunstreiseführer), Köln 1977

- Klosterkirche Bordesholm, in der Kirche ausliegendes Informationsblatt von Dr. Hilke Elisabeth Saggau, Nils Claussen und Dieter Schmidt-Sommerfeld

Wilm Sanders, Wallfahrt zum heiligen Vicelin

- dem Schaukasten vor der Kirche


Vicelin, Gründer und erster Bischof des Bistums Oldenburg, hatte 1127/30 in Neumünster ein Kanonikerstift gegründet. Dieses zog 200 Jahre später „wegen der dortigen Unruhen und aufgetretener wirtschaftlicher Schwierigkeiten“ auf eine am Rand des Eidersteder Sees gelegenen Insel um, die ihm den Namen gab („Bordesholm“ bedeutet „Randinsel“). Die Eider war zuvor nach der Trave die Nordgrenze des Heiligen Römischen Reichs geworden.


Die Kanoniker nahmen die Gebeine Vicelins mit und bestatteten sie vor dem Hochaltar der gotischen Kirche oder (nach dieser Quelle) an der Nordseite des Altarraumes. Herzog Friedrich I. ordnete laut dieser Quelle 1614 an, die Gebeine aus der Grabstätte zu entfernen und „anderswo“ beizusetzen. Die Überlieferung sagt, seine Gebeine seien mit den übrigen Reliquien* des Klosters im Altarraum vergraben worden.


* Daß die Kanoniker auch die Gebeine des hl. Volker von Segeberg und des heiligen Thetmar/Dietmar nach Bordesholm mitgenommen haben, ist nicht belegt, aber wahrscheinlich.


(Die Augustiner-Chorherren-Klöster in Schleswig-Holstein und Hamburg)


Die dreischiffige Hallenkirche (der heutige Chorraum) wurde 1327 begonnen und 1332 geweiht. Damals bot sie nur Platz für die Liturgie des Kanonikerstifts. 1490, 1502 und 1529 wurde sie wegen des großen Andrangs von Pilgern zum Grab des hl. Vicelin (und des hl. Volker?) vergrößert. So ist eine der schönsten gotischen Kirchen Schleswig-Holsteins entstanden, wobei allein der Ursprungsbau schon bezaubernd war.


Hier entstand 1475/76 die Bordesholmer Marienklage, verfaßt von Propst Johannes Reborch.


Die Herzöge von Schleswig-Holstein-Gottorf statteten die Kirche als ihre Grabstätte schon zu katholischen Zeiten aus. Das Chorgestühl eines Lübecker Meisters von 1509 ist vollständig erhalten. Der Hochaltar von 1521 (Hans Brüggemann) ist 1666, als die Kirche vom Verfall bedroht war, in den Schleswiger Dom überführt worden.


Nach der Reformation haben die Herzöge von Schleswig-Holstein-Gottorf im Kloster eine Lateinschule eingerichtet. Diese und die Klosterbibliothek bilden den Grundstock der Universität Kiel, von der einige Professoren sich in Bordesholm haben beisetzen lassen.

 

Im Barock wurde die Kirche als lutherische Pfarrkirche wieder "in Betrieb" genommen - in frommem Bewußtsein des Erbes Vicelins.


Der Raum wirkt bis heute geistlich, katholisch. Man riecht geradezu den Weihrauch vom morgendlichen Konventamt, auch wenn das nur eine fromme Einbildung ist.


Bilder:









Beherrschend ist das (noch katholische) Grabmal im Mittelschiff von 1514 für Herzog Friedrich I. (später König von Dänemark) und seine erste Gemahlin Anna von Brandenburg, das allerdings leer ist, ruht die Herzogin doch in einem Grabgewölbe des Kirchenschiffs und der Herzog/König in Schleswig:







Kastengestühl und Kanzel (1860/61):




Blick in den Chor mit dem Chorgestühl (1509 von Herzog Friedrich I. und seiner Gattin Anna von Brandenburg gestiftet), dem Hochaltar von 1727 (Ersatz für den Hochaltar von 1521 (Hans Brüggemann) und dem "Gemeindealtar" (2004, Gunnar Seidel):



Triumphkreuz (1. Hälfte des 15. Jh., ältestes Ausstattungsstück der Kirche):



Zwei Beispiele für die Bordesholmer Traditionstreue: 


- 1861 erstellte Wiedergabe eines Textes von Propst Andreas Laer von Deventer aus dem Jahr 1490 über das aus "Nigenmünster" hierher verlegte Kloster:



- bei der protestantisch-barocken Renovierung angebrachte Tafel "zum Gedenken an den frommen Vater Vicelin" am Ort seines alten (?) Grabes und auf Höhe des neuen (?):



Der den mittelalterlichen ersetzende barocke Hochaltar (1727) mit der Johannestaufe und den vier Evangelisten:




Auch das traditionell-katholische Gerümpel hinter dem Hochaltar wird gepflegt:



Taufbecken, 1737 von Herzog Karl-Friedrich zur Wiedereinweihung der Klosterkirche als lutherische Pfarrkirche gestiftet (wie vermutlich auch der oben erwähnte Hochaltar):





Altarretabel mit den lateinischen Kirchenvätern (1. Hälfte des 16. Jh.):



Der hl. Augustinus aus einem spätgotischen Altarretabel, 1848 in einen neuen Schrein eingearbeitet:




Das vollständig erhaltene Chorgestühl (1509) mit Löwen und dem "augustinischen Herzen" ("Du hast uns zu dir hin geschaffen, und unruhig ist unser Herz, bis es ruht in dir" - Confessiones 1):






In der ehemaligen Sakristei, dem einzig erhaltenen Teil der alten Klostergebäude, ruht unter einem spätmittelalterlichen, 1999 wiederentdeckten Geißelungsfresko Herzog Karl Friedrich († 1735), Vater von Karl Peter Ulrich, dem späteren Zar Peter III. von Rußland. Der Raum wird darum „russische Kapelle“ genannt:



Blicke nach Westen:


- das um 1450 angefügte quadratische Mittelschiffsgewölbe: 



- dahinter die Erweiterung um zwei Joche um 1500 mit der Orgel (Paschen, Kiel, 1969; Quathamer, Bordesholm, 2008):



Im nördlichen Seitenschiff des Chores ist der Kieler Professor Friedrich Gabriel Muhlius († 1776) bestattet:




In einer seitlichen Nische:



Am südwestlichen Ende der Kirche sind im 18. Jahrhundert der holsteinische Herzog Georg Ludwig und seine Gemahlin Sophie Charlotte, Stammeltern des oldenburgischen Herzoghauses (Stammbaum), in "todschicken" Sarkophagen beigesetzt worden, freilich bar jeder christlichen Symbolik und Botschaft:



Die Inschriften:


1.1.

Georg Ludewig Herzog von Holstein Gottorp, gebohren 16 Merz 1719, bis 1761 Preussischer General-Lieutenant und Oberster eines Dragoner Regiments, 1762 Russischer General-Feldmarschall, dann Statthalter der Grossfürstlichen Lande in Holstein, starb in Hamburg, 7. September 1763.


1.2

Heiss war dein Lebenstag, du Redlicher: Thaten des Rhumes, Grössere Thaten des Wohls kränzten mit Lorber dein Haupt. Friedlich kam die Kühle des Abendes; ehe die Dämmrung Schattete, führte der Tod dich zu dem Lager der Ruh. Schlummere, heiliger Staub. Dein Geist umschwebe mich waltend, Vater, und lehre den Sohn, bieder zu sein und gerecht.


2.1

Sophia Charlotta Herzogin von Holstein Beck, gebohren 31 Dezember 1722, vermählt 5 Januar 1738 mit Alexander Aemilius Burggrafen zu Dohna, verwittwet 30 September 1745, wieder vermählt 1 Januar 1750 mit Georg Ludewig von Holstein Gottorp, starb in Hamburg 7 August 1763.


2.2

Lebend warst du des Manns untrennbare treue Genossin, Unter Waffengetös, und an den Küsten des Nords. Freundlich vereinte der Tod die Liebenden. Noch war die Fackel Deines Sargs nicht verbrannt, als sie auch seinen beschien. Aber ich, ein verwaisetes Kind, in der Wüste des Lebens, Sehnte mich trostlos zu dir, zärtliche Mutter, ins Grab.


Hier, wie auch in der "russischen Kapelle", fällt auf, daß die Verstorbenen mit dem Blick nach Norden beigesetzt sind (wie auch in Kirchnüchel). Ob dies nur aus barock-dekorativen Gründen geschah oder gar aus einer Zuwendung zum Heidentum (begruben die Germanen ihre Toten doch "genordet"), ist nicht belegt.




Tagesgebet (Oration) zum Fest des hl. Vicelin.


Zu Vicelins Kirchen


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